Mitteilungen der Islandfreunde - 01.10.1929, Page 6
Daher wandte sich eine Anzahl islándischer Beamter und Mitglieder des
Althing an den König und trug ihm ihre Bedenken vor, worauf dieser ant-
wortete, daJ3 es nicht seine Absicht sei, die Grundbestimmungen, die im
Hinblick auf Islands besondere Verháltnisse notwendig wáren, um seine
verfassungsmádige Stellung im gesamten Reiche zu ordnen, endgiiltig an-
nehmen zu lassen, bevor nicht die Islánder in einer eigenen Versammlung
die im Bande selbst tagen sollte, dariiber gehört worden wáren. Die so ver-
heifiene islándische Versammlung trat im Jahre 1851 zusammen, und an
ihr nahm auch Jón Sigurðsson teil.
Die Regierung liefi ihr eine Vorlage zugehen, die unter anderem bestimmte,
dafi das dánische Grundgesetz fiir Island giiltig sei und die gesetzgebende
Macht fiir Islands besondere Angelegenheiten vom ICönig unter Mitwirkung
des Althing ausgeiibt werden sollte. Ferner sollten die Islánder vier Ver-
treter fiir das Folkething und zwei fiir das Dandsthing, die beiden Háuser
des dánischen Reichstags, wáhlen. Diese Vorlage fiihrte zu heftigen parla-
mentarischen Debatten, die schlieJ31ich mit der Annahme eines ausfiihrlich
ausgearbeiteten Gegenvorschlages, an dessen Formulierung Jón Sigurðsson
hervorragenden Anteil hatte, endete, der Islands Verháltnis zu Dánemark
zu einer Realunion gestaltet wissen wollte. Hierauf gingen aber der König
und die dánische Regierung nicht ein, und so wurde die islándische Ver-
sammlung geschlossen. Der von Jón Sigurðsson gefúhrte Widerstand der
Islánder hatte aber doch dazu gefuhrt, daJ3 man Island nicht mehr als inte-
grierenden Bestandteil Dánemarks behandelte und insbesondere, anders als
auf den Fáröern, die dánische Verfassung, die auf Grund der Beschliisse
der oben erwáhnten verfassunggebenden Reichsversammlung irn J ahre 1849
erlassen war, auf Island nicht einfiihrte. In der nach Beendigung der Tagung
der islándischen Versammlung an die islándische Bevölkerung ergangenen
königlichen Bekanntmachung heiJ3t es, daJ3 das islándische Althing vor-
láufig seine Tátigkeit in der bisherigen Weise fortsetzen solle bis zu der
Zeit, wo eine andere Regelung iiber Islands verfassungsmáJ3ige Stellung ge-
troffen werden wiirde, was nicht geschehen wiirde, bevor das Gutachten
des Althing dariiber eingeholt worden sei.
In den nun folgenden zwei Jahrzehnten heftigen politischen Streites
zwischen dem Althing und der dánischen Regierung stand Jón Sigurðsson
wieder in der vordersten Reihe. Der Streit drehte sich nicht nur um rein
politische, sondern auch um kulturelle und finanzielle Fragen. Besonders
die finanziellen Verháltnisse waren völlig in Verwirrung geraten. Man hatte
die Dománen, dann die Besitzungen der islándischen Bistiimer und manche
anderen Fonds des Fandes zugunsten der Kassen und Bediirfnisse der dá-
nischen Gesamtmonarchie veráufiert, so daJ3 Island nun ohne Mittel da-
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