Mitteilungen der Islandfreunde - 01.07.1926, Blaðsíða 14
gende Nacht; doch als ich weiter entfernt bin und das Gerausch nicht mehr
höre, schweben die Rauchwolken wie von einem Opferfeuer hinauf zu dem
wundersam prangenden Himmel. Ein schmales Nordlicht ist plötzlich
aufgeflackert iiber mir. Wie auf der Suche nach etwas schwingt es seine
diinnen langgezogenen Schleier, durch den die Sterne hindurchschimmem,
bald hierhin, balddorthin. Jetzt schweift es nach Westen, wo der Abend-
stem wie ein Fiirst unter den Herren der Steme, groB und máchtig leuchtend
seine kurze Winterbahn wandert. Als ich die Höhe der Heide gewonnen
habe, hat das kleine Nordlicht seine Gefáhrten gefunden. Von allen Seiten
fliegen sie spielend herbei — weiche, lichtgetránkte, von bleichen Stemen
durchfunkelte Nebel. In langen Bándem eilen sie auseinander— schweben —
sachte wehend wie von kosendem Wind bewegt; dann zerflattem sie wieder
— schieBen zusammen wieder zu einem breit in den Himmel geschlagenen
Fácher — zitternd schwankt er gerade úber mir: weich, wollig-weiB und grun
und rötlich leuchten die unruhig zuckenden Flúgel. Immer stárker schwillt
dieses sanfte Bewegtsein — da zerteilt sich von neuem diese lebendige
Lichtwolke — in groBen Flecken und flammigen Fetzen huscht und flieBt
sie auseinander in den unendlichen Raum. So schwingt und schweift es úber
den Himmel, den stemenseligen, dieses wunderbarste aller Spiele des leibhaft
gebannten Lichts. Die Höhen und die verschneiten Berge ringsumher
schimmem und glitzem in der Silbersaat des Mondes. Weit im Súden
wáchst eine máchtige, dunkle Masse in den lichtumkránzten Horizont —
das Meer. Ich wandere langsam durch diese Nacht — mit meinen Augen
immer wieder die geheimnisvoll leuchtenden Berge suchend, und den Himmel
darúber, diesen schönheitstrunkenen Lichttraumhimmel der nordischen
Nacht. (Fortsetzung folgt)
Reykjavík Reinhard Prinz
VI. EIN AUFENTHALT AUF ISLAND
ALS AUSTAUSCHSTUDENT
An dieser Stelle ist schon so viel und so treffend tiber Island gesprochen, daB es mir
schwierig erscheinen will, noch Neues zu bringen, besonders denen, die das wunder-
bare Land aus eigener Anschauung kennen. So will ich nur schildern, wie ich als Tausch-
student in Island aufgenommen wurde.
Als ich nach Island wegen eines Austausches schrieb, war es mir nicht einmal bekannt,
daB es einen regelrechten Austausch gibt zwischen Island und einigen anderen Landern
Europas (z. B. Schweden, Norwegen, Dánemark, Deutschland). Um so mehr war ich
daher uberrascht, als ich die Antwort vom islandischen Austausch (Ludvig Guðmunds-
son) bekam, die mich schon ahnen lieB, wie groBartig alles fiir mich eingerichtet war-
Ein islandischer Kommilitone aus dem Nordland (Þingeyjarsýsla) wollte mit mir
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