Mitteilungen der Islandfreunde - 01.07.1926, Qupperneq 4
Werken Einars statt der inhaltlichen Titel ebensogut solche geben, welchc
den optischen Vorgang bezeichnen, und könnte sie etwa nennen, „die Senk-
rechte“ (Ingólfur), „die Wagerechte" (Ymir), „der rechte Winkel" (Freiheit),
„der spitze Winkel" (Engel des Eebens), „die Schwunglinie" (Tiegel und
Weihnacht), „die Spirale" (Welle der Zeit), „der Kreis" (Erlösung), „der
Wirbel" (Geburt der Psyche).
Hier nun hatder Beschauer dieMöglichkeit zu erkennen, und nachzufiihlen,
wie die Betonung der senkrechten Richtung im Kunstwerk den Eindruck
des Erhabenen vermittelt, wie die Wagerechte Ruhe und Festigkeit aus-
druckt, die Schwunglinie dagegen Bewegung bis zur Leidenschaftlichkeit
zur Vorstellung bringt und der Kreis die Stimmung der Vollendung, ja
Heiligkeit darzustellen vermag1. Der optische Anteil des Werkes, abgelöst
vom gedanklichen Inhalt, also (nach Fechner) der „direkte Eindruck“,
wirkt sich in Einars Werken weit stárker aus, als alle „assoziativen Faktoren",
wenngleich die meisten Beschauer fúr letztere, also fúr den Gedankeninhalt
weit mehr empfánglich sind, als fúr ersteren, der ihnen gewöhnlich nur im
UnterbewuBtsein zuteil wird. So erscheint die wunderbare Uberein-
stimmung der vernunftgegebenen dreidimensionalen Formen mit dem
durch Einfúhlung erwachten seelischen Erleben als die kúnstlerische GroBtat
in Einar J ónssons Werken, die ihn vor allen lebenden Kúnstlern auszeichnet
und ihm seine Stellung in der Welt gibt.
Charlottenburg TheocLor Wedepohl, Prf
III. MEINE ZWEITE ORNITIIOLOGISCHE STUDIEN-
REISE NACH ISLAND
Von Emil Sonnemann (Fortsetzung)
Nach elfstúndiger Fahrt von den Westmánnerinseln konnten wir endlich in
Reykjavík an Eand steigen und, nachdem wir die Freunde begrúBt hatten,
im Hotel Hekla die durcheinander geschúttelten Glieder zur Ruhe strecken.
Der folgende Tag — 8. Juni — galt verschiedenen Besuchen und einer
Besichtigung der Stadt. Auch hier bedeutende Veránderungen. Der Hafen
mit seinen groBartigen Anlagen und zahlreichen Fischdampfern macht dem
Unternehmungsgeist der Islánder alle Ehre: auch in der Stadt sind zahl-
reiche neue und zum Teil recht stattliche Gebáude entstanden. Kanal- und
Elektrizitátswesen sind in guter Entwicklung begriffen; die StraBen nach
islándischen Verháltnissen leidlich. Der Verkehr wird durch das Automobil
beherrscht. Soweit muB man den Mut und die Tatkraft der Schöpfer an-
erkennen und gewiB auch bewundem; sieht man jedoch tiefer und betrachtet
1 Úber diese Erscheinungen habe ich in meiner „Ásthetik der Perspektive" (Berlin,
Wasmuth) geschrieben.
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