Mitteilungen der Islandfreunde - 01.07.1926, Síða 5
das Geschlecht der Menschen, die heute diese Stadt bewohnen und durch
die alle jene Einrichtungen erst einen Sinn erhalten, so muB man zu der
tíberzeugung kommen, daB ein schnelles und ungesundes Wachstum man-
cherlei Nachteile gegeniiber der Zeit vor etwa 20 Jahren mit sich gebracht
hat. Die Schlichtheit der Debensfuhrung ist verschwunden; alles handelt,
um mit möglichst geringer Arbeit möglichst viel Geld zu verdienen; die
Söhne und Töchter reisen nach Kopenhagen und versuchen, zurúckgekehrt,
die Sitten, — besser: Unsitten — die sie im Paris des Nordens allzu bereit-
willig angenommen haben, auf den heimatlichen Boden zu verpflanzen und
— was das Schlimmste ist — merken scheinbar gar nicht, wie töricht ihr
Beginnen ist. Der Verkehr der jungen Ueute untereinander zeigt eine Un-
geniertheit, die, wenn sie echt ware, sicher nicht ohne Reiz wáre; so aber
wirkt sie höchst abstoBend. Die jungen Frauen und Mádchen liegen bis
n Uhr mittags im Bett, machen umstándlichToilette, schminken sich und
bummeln herum, rauchen viel Zigaretten, besuchen Kaffee und Kino und
kommen in der Nacht wieder ins Haus. Nicht alle. Glúcklicherweise. Ich
selber habe sehr rúhmliche Ausnahmen kennengelemt; aber die groBe Zahl
der Bummelnden ist mir doch aufgefallen. Und noch eins: Es ist zurzeit
nicht möglich, in einem Hotel in Reykjavík auch nur eine Nacht ungestört
zu schlafen. Das junge Volk vollfúhrt bei seinen heimlichen Trinkereien
einen ruhestörenden Dárm und scheut sich auch nicht, den rnúden Fremd-
ling in seiner Kammer zu belástigen, so daB ich dieses Benehmen nur als
grobe Ungehörigkeit bezeichnen kann. Diese trúben Erfahrungen haben
mich sehr mutlos gemacht, wenn ich an die fernere Entwicklung der gegen-
wártigen Generation denke. Natúrlich weiB ich auf Grund meiner viel-
fachen Beobachtungen, daB auch hier der Alkohol der groBe Verderber ist.
Das Trockenlegungsgesetz wirkt sich in Reykjavík geradezu katastrophal aus.
Ich lege Wert darauf, zu bemerken, daB alles, was ich bisher Ungiinstiges
berichten muBte, lediglich fúr Reykjavík und seine Bewohner gilt; im Innern
des Uandes liegen die Verháltnisse völlig anders. Der islándische Bauer
fúhrt ein einfaches, entsagungsreiches Leben voll Arbeit und Gefahren. Ich
wúrde sehr undankbar sein, wollte ich nicht hinzufúgen, daB ich úberall
in Island, auch in Reykjavík, wie ein guter Freund aufgenommen bin und
jegliche Hilfe und weitherzigstesEntgegenkommen gefunden habe, und ledig-
lich meine tiefe Uiebe zu Island und seinen Bewohnem láBt mich den Finger
auf ein tíbel legen, an dessen Beseitigung, wie ich fest vertraue, alle guten
Islánder selber das lebhafteste Interesse haben.
Von Reykjavík aus haben wir verschiedene kleinere Fahrten untemommen
nach Krisuvík, Eyrarbakki, ölfusárbrú, Tröllafoss, Elliðaá (Uachsfang),
Bessastaðir, Viðey und Akurey.
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