Mitteilungen der Islandfreunde - 01.07.1926, Síða 6
In Eyrarbakki hábe ich den 84 Jahre alten Peter Nielsen besucht, der
seit Jahren an den Stuhl gefesselt ist; aber sein Geist ist noch munter und
sein Gedáchtnis noch tadellos. Beim Abschied schenkte er mir sein letztes
Gelege vom Odinsháhnchen und bezeichnete mir die Gegend zwischen Eyrar-
bakki und Stokkseyri als das giinstigste Beobachtungsgebiet fiir Odinshani
(Phalaropus lobatus I,.) und Thórshani (Ph. fulicarius B.). Diese Angabe
habe ich in reichstem MaBe bestátigt gefunden. Das Odinsháhnchen ist dort
geradezu háufig, und das Thorsháhnchen keineswegs selten; ich habe im
Daufe eines Tages wohl 8—10 Párchen der letztgenannten Art auf einem
verháltnismáBig kleinen Gelánde beobachtet. In der ganzen Vogelwelt gibt
es kaum ein reizvolleres Bild, als diese kleinsten und zierlichsten Schwimm-
vögelchen wenige Meter entfernt párchenweise auf den Teichen, Tumpeln
und Wasserzúgen zu beobachten, wie sie eifrig nach kleinen Wasserinsekten
picken oder im flachen Wasser sich baden und putzen. Ihre Paarungszeit
muBte eben begonnen haben (12. Juni); ich fand nach langem Suchen ein
Nest des Odinsháhnchens mit 1 Ei. Das normale Gelege betrágt 4 Eier.
tíbrigens gehörte Ph. fulicarius noch 1908 nach Nielsens Angaben tmd meinen
eigenen Beobachtungen zu den gröBten Seltenheiten in der Umgebung von
Eyrarbakki; die Art hat sich also erfreulicherweise vermehrt. Im In-
nern Islands habe ich sie trotz aufmerksamer Beobachtung nirgends ge-
sehen.
Auf den Teichen bei Eyrarbakki beobachtete ich auch zum ersten Male
auf dieser Reise mehrere Párchen Schwáne (Cygnus musicus U.); auBerdem
verschiedene Entenarten und Taucher (Colymbus auritus E.)
Die Fahrt nach Krisuvík (Auto bis Grindavík, von da Pferde) bot zwar
trotz des gráulichen Wetters Eandschaftsbilder von groBartiger Wildheit
und Zerrissenheit; in ornithologischer Hinsicht brachte sie nichts Neues. Der
einzige Bauer in Krisuvík hat 18 Kinder, gesund und rotbackig, obschon
der Patriarch so arm ist, daB er uns kaum ein Glas Milch zu bieten hatte.
Die Mutter dieser 18 SpröBlinge — das neunzehnte ist unterwegs — ist noch
immer eine ansehnliche Frau. Hier muB ich bewundernd verstummen.
Als ich den Patriarchen bat, mir beim Suchen eines Geleges vom Gold-
regenpfeifer behilflich zu sein, lehnte er entsclúeden ab: Einem so armen
Vogel diirfe man die Eier nicht nehmen. Ein sympathischer Zug, weil er
bei diesem Manne ganz schlicht und natúrlich sich áuBerte.
In ölfusárbrú besuchten wir eine Insel in der ölfusá, die dem Bauer Eggert
Benediktsson gehört; hier nisten hunderte von Eiderenten. Die meisten
saBen noch brútend auf den Eiern; einige hatten schon Junge. Auch ein
Schwanenpaar brútete dort. Die Vögel waren aber so scheu, daB eine Auf-
nahme am Nest nicht zu erreichen war.
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