Mitteilungen der Islandfreunde - 01.07.1926, Page 9
Ein Höhepunkt unserer Reise war das Hvitárvatn, weniger ornithologisch,
aber desto mehr landschaftlich. Der Anblick des Sees mit den schwimmen-
den Eisblöcken, im Hintergrunde der gewaltige Langjökull mit den beiden
in den See múndenden Gletschem, die in kurzen Zwischenráumen krachend
kalben, das alles ist von iiberwáltigender Macht und Schönheit.
Es war ein Gliick, daB wir einige Sácke Schwarzbrot fiir die Pferde mit-
genommen hatten; denn es gab wenig Gras; die eigensinnigen Tiere haben
unsere Fiirsorge freilich wenig gewiirdigt.
Das Vogelleben am Hvitárvatn war ziemlich eintönig. AuBer den unver-
meidlichen Brachvögeln und Goldregenpfeifern gab es nur Singschwáne und
sehr zahlreich Saatgánse, von denen wir auch Nester mit bebriiteten Eiern
und Dunenjungen fanden; auf den Tiimpeln und flachen Wasserziigen
jagten sich die Odinsháhnchen.
Eeider muBten wir am folgenden Tage schon weiter; es gab wenig Gras
und die Pferde standen mit traurig gesenkten Köpfen umher. Unsem Brot-
vorrat muBten wir fiir die Kerlingarfjöll aufsparen.
Wir ritten also am folgenden Tage nach Gránanes. Der,,Weg“fiihrte iiber ein
schier endloses undáuBerstbeschwerlichesLavagebiet. Unterwegs wurdenzahl-
reiche Schwáne und Gánse beobachtet; gelegentlich stieg mit lautem Knarren
ein Schneehuhn auf. Spát am Nachmittage langten wir am Zeltplatz Grá-
nanes an. Hier gab es gliicklicherweise leidliches Gras, so daB wir ohne Be-
sorgnis den náchsten Tag erwarten konnten. Nachdem die Zelte standen,
bin ich noch einige Stunden in der wasserreichen Umgebung umhergestreift.
Auf den Bergen umher liegt noch viel Schnee. Auf den zahlreichen kleinen
und gröBeren Teichen dasselbe Vogelleben, wie ichs fast iiberall im Innern
fand: viel Gánse und Singschwáne, einige Entenarten, unter denen ich
Anas boschas L., A. penelope L. und A. crecca L. beobachtete, auBerdem
eine Entenart, deren Identitát ich leider nicht festzustellen vermochte. Die
reizenden Odinsháhnchen belebten auch hier das Bild in anmutiger Weise.
Gegen Ende meiner Wandemng entdeckte ich noch das Nest von Sterco-
rarius parasiticus L., isl. Kjói mit einem Dunenjungen und einem angepickten
Ei. Die Alten schossen mit lautem Geschrei wiitend auf mich herab, und
unwillkurlich rnachte ich jedesmal eine tiefe Verbeugung. Die Schmarotzer-
Raubmöwe zeigt also am Neste dasselbe Verhalten, wie ihr groBerVerwandter,
der Skúmur. Ubrigens war dieses das einzige Párchen in der weiten Gegend,
und ich habe auch in anderen wasserreichen Gegenden des Innern die Schma-
rotzer-Raubmöwe nur immer vereinzelt angetroffen.
Als ich wieder bei den Zelten eintraf, lag alles schon in tiefem Schlafe.
Am náchsten Morgen haben wir die Raubmöwen am Neste gefilmt, was gar
uicht so einfach war. (SchluB folgt)
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