Mitteilungen der Islandfreunde - 01.07.1926, Page 11
steten, die Erde aussaugenden Wechsel von Regen, Sturrn, Frost, Tauwasser
und neuen Schneegestöbern des Siidlandwinters, wie er diesen Teil der Insel
und ebenso die sudlichen Teile des West- und Ostlandes nun Jahr fúr Jahr
schon heimsucht. Doch das Wetter in den Weihnachtstagen war gut. Leichter
Frost und ein klares, von all der Pracht der Nordwinternacht erfúllter
Himmel. Das lockte — und trotz all der Wamungen vor den oft plötzlich
einbrechenden Schneestúrmen, trotz allen fúr die islándische Stadt leider
bezeichnend gewordenen Unverstándnisses auch, wie man so zwischen den
Festtagen nur von all den úber alles geschátzten Kaffeegesellschaften fort-
laufen könne — packte ich meinen guten alten Rucksack und zog los.
Das war am dritten Weihnachtstag frúh. In der Stadt sah man nur ein
paar Milchkarren, ein paar Katzen, die zu spát nach Haus und darum
nicht mehr hineingekommen waren, und hier und da benutzte ein noch halb-
verschlafenes Mádchen mit dicken, hángenden Zöpfen die Morgendámmerung,
um drauBen vor der Túr die Ballkleider vom Abend vorher wieder ballfáhig
zu machen. Fast alle sahen sie so verwundert und zweifelhaft zu mir her-
úber, daB ich annehmen muBte, sie hátten niemals einen Wanderer um diese
Zeit ihre StraBen verlassen sehen. Vielleicht dachten sie auch, ich wollte nur
nach ,Kleppur‘ drauBen vor der Stadt, was hier soviel bedeutet wie bei uns
daheim in Westfalen „nach Bodelschwingh". „Nei-tak“! — ich wollte weiter
nach O — úber die Hellisheiði, womöglich bis in den Gesichtskreis der Hekla
hinein. Immer hatte ich mir schon gewúnscht, die geliebten Berge dort im
Umkreis der Fljótshlíð einmal in den Winterhimmel ragen zu sehen.
Als ich am Gaswerk und den letzten, verstreut liegenden Háusem vorbei
die freie UandstraBe erreicht hatte, und das Uand frei und weit sich breitete
um mich her, im O und N zu den máchtig gemauerten Bergen hin, im S und
W verschwimmend in das weit hinschwellende Meer, da klang dies Ent-
zúcken wieder auf in mir aus den langen Fahrten dieser Island-Sommer, das
seltsame Ergriffensein von dem Bann dieses seltsamen Uandes, das Verbun-
densein mit diesem herrlichen Stúck Erde und dem geheimnisvollen Himmel
úber ihm.
Ganz langsam zerrinnt hier die Dámmerung. Der Osthimmel fárbt sich
mit einem matten Rotgelb. Man spúrt es, wie der Tag nur zaghaft sich er-
hebt. Dort hinter dem wie ein aufgebahrter Sarg aus der niedrigen Berg-
kette sich loslösenden Húgel steigt er empor. Immer dicbteres Gelb zieht um
diesen Húgel sich zusammen; úber die Berge im NO, die máchtig bingebaute
,Esja‘, die práchtig aufschwingenden Hánge der Skarðsheibi und die kalte
Steilwand des Akrajjall tastet ein mattes Rot. Jetzt schwimmt der Sarg
einige Augenblicke in weiBlich gedámpfter, goldgelber Flut: der Sonnenrand
hebt sich úber ihn empor, bleich und mit langen, stechenden Strahlenwimpern
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