Mitteilungen der Islandfreunde - 01.07.1926, Síða 12
schlágt der kurze Wintertag zögernd sein groBes Auge auf. Wie das Auge
der gewaltsam hervorgezauberten Seherin ist diese Wintersonne: var ek snivin
snióvi ok slegin regni ok drifin doggo daud var ek lengi (Edda, Baldrsdrau-
mar 5).
Hart und weiBlich schwebt die Bichtscheibe in dem zaghaft erhellten Him-
mel. Ihr gegeniiber aber gleiBen die Gebirge groB und práchtig in ein reines
Blau. Eisig hell schimmert die breit hingezeltete Hochfláche der Esja —
blendend weiB grábt das Svínaskarð seine drei scharfen Zacken in den
Himmel ein. Die Kiiste im N bleibt auch heute verhullt: Nur sehr selten
lockert sich in diesen Wochen der dumpfe Schleier úber den Gebirgen dort.
Desto wunderbarer aber ist es dann, wenn einmal in ein paar kurzen Mittags-
stunden sich der Horizont dort auftut, und die weiBen Berge, von einer femen
Sonne kúhl umgleiBt und scharf umrissen, aus dem blau gestreiften Meer
sich heben — groB úberragt von dem unvergleichlich schönen Gletscherhaupt
des Snæfellsjökull.
Ich wandere, aufgenommen von der winterharten Schönheit um mich her,
von der reinen, kúhl mich umströmenden Euft, von dem seltsam schönen
Dicht, das nicht höher zu steigen wagt und am Mittag lange abendlicbe
Schatten duldet. Vor mir steht der ,Hengill‘ mit seiner breiten Felsenkrone
úber steil abschieBenden Hángen wie ein Rufer und ein Wáchter des Dandes
dort hinter den Höhen im Osten. Niemand begegnet mir. Die ,Elliðaá‘
liegt unter schollig verschobenem Eis. Die Fenster der beiden Bauernhöfe,
an denen ich vorbeikomme, sind mit Eisblumen dicht verhángt. Keine Seele
rúhrt sich. Nur ein Rudel Pferde mpft in der Náhe des Hofes das welke,
gefrorene Gras. Man möchte ihnen allen mal wieder den Hals klatschen,
diesen guten, bescheidenen Tieren. Da sind auch noch Schafe drauBen! ?
Wirklich — zwischen Weihnachten und Neujahr suchen hier die Schafe sich
noch allein ihr Futter. Seltsames Dand des Nordens!
Als ich kurz nach Mittag das Svínahraun erreiche, verschwindet die Sonne
meinem Blick hinter ein paar im Súden vorgelagerte Húgel. Bald heben
diese sich scharf gegen einen breit in den Hirnmel drángenden Fácher von
ockergelbem Glanz. Da sinkt also die Sonne schon wieder. Im Nordosten,
wo der blaue Himmel sich auf die weiBe Esja niederwölbt, verdichtet sich
das Grún, wie es oft dem Winterblau des Himmels ganz zart eingemischt
zu sein scheint, zu einem breiten, seegrún flieBenden Band. Wunderschön
ist dieses kúhle, klare Grún — dieses dem Winter eigentúmliche Grún der
unfaBbar vielfáltigen und feingestuften islándischen Farbenreihen. Reicher
und práchtiger als zu dieser Zeit wirkt dieses Grún eigentlich noch in den
ersten Wintermonaten, im spáten Oktober und im November. Da haben wir
vor Sonnenuntergángen hier gestanden, die an eigenartiger Schönheit denen
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