Mitteilungen der Islandfreunde - 01.07.1926, Qupperneq 13
des Sommers erst die Krone schienen aufsetzen zu wollen. Da webt noch
der weinrote und zart-violette Hauch der Sommerabende um die Berge, wáh-
rend die Farben des Himmels reiner geworden sind und kristallener; als wenn
sie geláutert worden wáren. Jetzt, zur Zeit der Jahreswende, ist alles Farbige
karg, hart, herb. Die sinkende Sonne scheint nicht mehr diese sich verströ-
mende Kraft zu haben, mit der sie sonst zur Abendzeit das Band einhiillt in
dieses seltsam zarte, weich umhiillende Gespinst; nur ein bleiches Rot glimmt
scheu um die Berge — ein bláulicher Hauch steigt matt aus dem weiBen
Schnee — eine geheimnisvolle Dichtung schwebt das Griin unter dem zu
immer dumpferen Tönen versiegenden Blau.
Ich schaue dem Sonnenglanz nach und wie ich mich umwende zum Weiter-
wandern, schiebt sich iiber den Bergrucken im Osten ungeheuer groB und rot-
gelb geschwollen der Gefáhrte der Sonne, der gute Mond. Es ist zwei Uhr.
Als der Mond im Höhersteigen zu einer alabasterweiBen Kugel zusammen-
geschrumpft ist, tauchen links von der scharfen Wegbiegung die auf einem
Húgel aneinandergekauerten Háuser eines der bekanntesten Höfe hier in der
Umgegend auf: Kolvibarhóll. Hier bei Sigurður auf Kolviðarhóll, auf diesem
alten Hof an einem der áltesten Verkehrswege kehrt man gewöhnlich ein,
um sich an ausgezeichnetem „hangikjöt" („Rauchfleisch") und noch besserem
„Skyr“ so gútlich zu tun, daB man gewöhnlich nicht weiterkommt fúr den
betreffenden Tag. Ich kehre also besser nicht ein, da ich das gute Wetter
wahmehmen will, um heute noch úber die ,,heiði“ zu kommen — trotz des
freundschaftlichen Verbotes meines guten Gísli, nach Anbruch der Dunkel-
heit auf die „Hellisheiði" zu gehen. Seitdem noch in den letzten Jahren
mehrere Mánner dort in plötzlich einsetzenden Schneestúrmen „drauBen ge-
blieben sind“ (hafa orðið úti“), gehört diese heiði mit zu den etwas gefúrch-
teten Stellen des Dandes, nicht zum wenigsten auch wegen der Geister der
Verschollenen, die man dort hat herumirren sehen.
Doch die breite FahrstraBe ist so gut, und die Nacht so hell und so manche
Erinnerung taucht in mir auf von gut úberstandenem Unwetter auf dem
Hochlande, daB ich ohne Zögem der langsam steigenden Windung des Weges
folge. Einmal aber zucke ich doch zusammen, und da ergreift mich auch
fúr einen Augenblick wieder dies oft unheimliche Umfangensein der islán-
dischen Berge und Uavafelder von einer geheimnisbrútenden Natur. Ganz
plötzlich höre ich seitwárts vom Wege einen scharf dröhnenden Uaut,
dann ein unterirdisches hohles Bullern und Gurgeln — dann fliegen ein paar
Rauchsáulen auf, in denen das Mondlicht graugelb sich fángt. Ich stutze
und lausche, aber dann erinnere ich mich, daB hier in der Náhe des Weges
ein paar heiBe Quellen sind. Wie aus einer Hexenkúche drángt sich das Ge-
gurgel der unaufhörlich kochenden Schlammpfuhle in die feiernd-schwei-
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