Mitteilungen der Islandfreunde - 01.07.1926, Síða 15

Mitteilungen der Islandfreunde - 01.07.1926, Síða 15
tauschen, und zwar wollte er im Herbst mit mir nach Deutschland fahren und den Winter hier zubringen. Es wáre also zu erwarten gewesen, daB ich die vier Monate in seinem Heim zugebracht hátte. Aber vom Austausch war es viel groBartiger fiir mich einge- richtet. Ich sollte möglichst viel vom Lande sehen und wurde daher auf vier verschie- denen Höfen untergebracht. Die ersten 10 Tage wurde ich in Reykjavík eingeladen, um die Hauptstadt und das akademische Leben kennenzulernen. Die mensa academica macht einen recht gemiitlichen und einladenden Eindruck. Sie ist auch ein wirkliches Heim fiir die nicht in Reykjavík ansássigen Studenten, die dort fiir 90 Kronen im Monat alle Mahlzeiten bekommen. Das Essen ist sehr gut und reichlich, d. h. man nimmt sich, wie es auch vielfach in Skandinavien Sitte ist, so lange man will. Islánderinnen in ihrer hiibschen Tracht verwalten die mensa und bedienen die Studenten. Zwischen den Mahlzeiten sah ich in den Ecken verschiedene Gruppen von Studenten sitzen, die mit groBer Leidenschaft Schach spielten. Im ganzen essen etwa 60 in der mensa, doch sind es nicht alles Studenten. Es láBt sich denken, daB es noch familiárer und gemutlicher wird, wenn erst der Stúdentagarður fertig ist, was hoffentlich nicht mehr allzu lange dauern wird. t)ber Reykjavík könnte ich nur das wiederholen, was schon so oft geschrieben ist. Jedenfalis schien mir gleich, daB die Hauptstadt ganzlich aus dem Rahmen des ubrigen Island fallen músse, was mir auch immer mehr bestátigt wurde, je mehr ich Island kennenlernte. Die Unmöglichkeit, in Reykjavík islándisch zu lernen, trieb mich bald aus der Stadt. Jeder, der einmal nach Reykjavík gekommen ist, wird wissen, wie sich die Islánder auf die Auslánder sturzen, um möglichst ihre Sprachkenntnisse zu vermehren. Den Mai verbrachte ich in einem Pfarrhause (Stóra-Hraun) zwischen Stokkseyri und Eyrarbakki. Das Wetter war mit Ausnahme weniger Tage strahlend. In wundervollem Glanze erstrahlten dann die weiBe Haube der Hekla und der Eyjafjallajökull, und ihm vorgelagert, die aus dem Meere aufsteigenden wunderbar schönen Vestmannaeyjar. Den ganzen Súden begrenzte das unendliche Meer, das sich — allerdings am práchtigsten an stúrmischen Regentagen — an den Lavaklippen in haushoher Brandung brach. Im Westen erheben sich fast unmittelbar aus der weiten Ebene die Berge der Halbinsel Reykjanes und die Hellisheiði und im Norden bildet das steile Ingolfsfjall, an dessen westlichen Hángen an kúhlen Abenden die weiBschimmernden Dámpfe der unzáhligen Quellen sichtbar wurden, den Horizont. Zwischen Ingolfsfjall und Hekla endlich er- glánzte die weiBe Fláche des Langjökull, wenn nicht rasende Stúrme dichte Staub- wolken aus dem Innern des Landes trieben, die dann den ganzen Horizont mit einer dichten gelben Schicht bedeckten. Mit groBer Herzlichkeit wurde ich im Pfarrhause aufgenommen. Ganz tiberrascht war ich wie úberhaupt auf Island, so besonders hier úber die groBe Freundschaft fúr Deutschland und die ins einzelne gehende Kenntnis der Verháltnisse bei uns. Meine Gastgeber machten sich ein Vergnúgen daraus, mich in alle Sitten und Gebráuche und in die besonders zuerst so schwierige Sprache einzufúhren. Alle islándischen Gerichte muBte ich kennenlernen und groB war die Freude, wenn ich alles schön und wohl- schmeckend fand. Nach der ersten, etwas gewaltsamen Einfúhrung ins Reiten (von Kolvidarhóll bis zur ölfusábrúcke, etwa 30 km) wurde hier nun fast jeden Tag geritten, und es dauerte nur wenige Tage, bis ich den Augenblick herbeisehnte, wo es hieB, daB 15

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