Mitteilungen der Islandfreunde - 01.07.1926, Page 16
die Pferde bereit waren. Ganz furchtbar dagegen ist das Autofahren auf Island und
besonders schlimm im Friihling, wenn die zu friih befahrenen Wege nur aus lauter Rillen
bestehen, auf denen die Fiihrer mit wirklich bewunderungswtirdiger Geschicklichkeit
den Wagen balanzieren. Ist das Automobil dann noch ein Lastauto (isl.: kassabíll),
in dem man nach meinen Erlebnissen mit 50% Wahrscheinlichkeit eine Panne erlebt
und halb seekrank wird, dann wird das Autofahren geradezu zur Qual. Eine solche
Fahrt erlebte ich nach Stórolfshvoll, auf der der Fiihrer noch dazu an jeder Haltestelle
zum Kaffee eingeladen wurde, den er mit der gröfiten Ruhe genoB. Immerhin war das
langsame Vorwártskommen damals nicht zum Schaden gewesen. Ich erlebte dadurch
einen wundervollen Ritt nach Hlíðarendi durch die dámmernde Friihlingsnacht. Von
der andern Seite des rauschenden Markafljót griiBte der wunderbare Eyjafjallsjökull
und die Stille wurde durch nichts unterbrochen, als das Aufschlagen der Hufe unserer
Pferde. Als ich dann am Hange oberhalb von Hlídarendi saB und der IíoloB des Eyja-
Ejellajókull und die steilen Felsen der Vestmannaeyjar heriibergriiBten, wurde mir der
EntschluB Gunnars verstándlich, der auch nicht fiir sein Leben Hlídarendi hatte ver-
lassen wollen.
Den Juni iiber war ich in einem anderen Pfarrhause im Borgarfjord, wo ich ebenso
wie in Stóra-Hraun aus Idealismus und grofier Gastfreundschaft aufgenommen wurde.
Leider war das Wetter nicht giinstig, so daB ich von dem so viel gepriesenen Borgar-
fjord nicht allzu viel zu sehen bekam. Einmal bei strahlendem Wetter ritt ich mit dem
Pastor, der die Post zu verteilen hatte, durch das Lundareykjadal und Skorradal. Wir
kamen in fast alle Höfe. In Erstaunen versetzte mich die Buchermenge iiberall und ein-
mal traf ich sogar einen Bauern, der deutsch konnte, was er sich selbst beigebracht hatte.
Jm Juli und August war ich dann endlich im Nordland im eigentlichen Austausch.
Auf zwei Höfen in der Mývatnssveit war ich untergebracht. Schon vorher hatte ich
von der wunderbaren Landschaft des Mývatn gehört und von seinen Umwohnern, die
in Island einen hervorragenden Ruf genieBen. Aber meine Erwartungen wurden bei
weitem tibertroffen. Und zwar sowohl in bezug auf die Landschaft wie auf die Menschen.
Nie sah ich ein so eigentiimliches Land wie das Gebiet dieses Binnensees. Hunderte
von Kratern erheben sich an den Ufern und aus dem Wasser des Mývatn. Eigenartige
Lavablöcke und Lavawánde bilden das Ufer des Sees, der von unzáhligen Enten be-
völkert ist. Im Norden liegt die an Vegetation hervorragende Insel Slútnes und im
Westen fliefit die Laxá, immer wieder durch griinende Lavaholme gehemmt, aus dem
See. An kiihlen Abenden schmiicken weiBe Dampffahnen von dem „Litla Víti" her
die Krafla, und wenn die Sicht gut ist, erscheint im Stiden, weit jenseits des endlos
scheinenden 'Oðáðahraun die weiBe unendliche Fláche des Vatnsjökull. Einen anderen
Charakter hat dies Land, wenn rasende Sandstiirme den Staub tiber das Mývatn fegen
und es fast unmöglich machen, sich draufien aufzuhalten. Dann ruht die Arbeit auf den
Wiesen und man sitzt gemiitlich in der badstofa beim Wollezupfen. Wáhrend der Arbeit
werden Sagen erzáhlt oder Verse gesagt, zuweilen werden auch Strophen und Weisen
gesagt, die getráumt sind. Abends vereinen sich dann wohl zuweilen alle in der Gast-
stube um das Harmonium, und es wird gespielt und gesungen. An Sonntagen wurden
Ritte in das Gebirge oder um den See unternommen, zu denen sich oft viele Reiter und
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