Mitteilungen der Islandfreunde - 01.07.1926, Side 19
3. E. LUCKA, Thule, eine Sommerfahrt. Leipzig, Reclam jr. No. 6534.
Wer in der Seele die Sehnsucht nach „Thule" tragt, zu dem wird dies kleine poetische
Werk unmittelbar reden; und auch die, denen Island wenig mehr ist als ein geographi-
scher Begriff, werden aufhorchen und die Augen öffnen bei diesen wirklichkeitswarmen
und leuchtenden Worten.
Werden Islands Wirklichkeit und Gegenwart dem Reisenden vielleicht sein Marchen-
land Thule zerstören, das er von seiner Knabenzeit an wie einen heimlichen Schatz
in sich gehiitet hat ? MuB nicht Island ein gánzlich anderes sein als Europa mit seinem
Zivilisationsgetriebe, das zur Nivellierung auf jedem Gebiete fuhrt ?
Island bedeutet ihm keine Enttauschung. Diese Landschaft mit ihren „Mooren
und strauchlosen Sandfláchen, Eisfeldern und Zacken am strandlosen Meer, die um-
wölkte Hekla und der Geysir mit seinem unterirdischen Murmeln" — wird uberall
beseelt durch die islándische Geschichte —, die Personen- oder Familiengeschichte ist
— oder durch die Göttersage dieses anschaulich denkenden und ahnungsvoll empfin-
denden Volkes.
Und wie die Gestalten der Saga mit diesen Statten so eng verwoben sind, daB man
z. B. beim Ritt durch ihr Herrschaftsbereich ihre Alltagsausspruche und -taten zwang-
los erwáhnt, ihre Schicksale bespricht —, so sind auch die islándischen Menschen von
heute zu tief verwachsen mit ihrer Landschaft und ihrer Geschichte, worauf die wurzel-
echte Einheitlichkeit ihres Charakters beruht, ihre Heimatliebe und Gastfreundschaft,
ihre Innerlichkeit und feine Bildung.
Diesen Gedanken rtickt das Biichlein dem Leser nahe: dort im fernen grauen Meer
ist noch etwas von unserem besten germanischen Wesen in seiner Abgeschlossenheit
rein erhalten, ein Stiick Heimat und Sehnsuchtsland — das kein bloBes Márchenreich ist.
VIII. VORTBAGE
Herr H. Erkes behandelte am 18. Mai 1926 an der Universitát Köln in einer all-
gemeinen öffentlichen Vorlesung das Thema: Island, Thule, Atlantis, eine geographische
Betrachtung auf Grund der neuesten Forschungen.
Der gut besuchte Vortrag fand allseitiges Interesse.
Msgr. J 6n Svensson hielt in einer groBen Zahl deutscher und französischer Stádte
eine Reihe von Vortrágen tiber seine Heimat Island, die namentlich bei der Jugend
tiberall Begeisterung erweckten.
IX. NACHRICHTEN
1. In Múnchen wurde am 16. Dezember 1925 eine Ortsgruppe der „Vereinigung der
Islandfreunde" gegrúndet. Die einstweilige Leitung wurde Frau E. Erlewein tiber-
tragen (Mtinchen, Parkstr. 8).
SatzUngen sollen erscheinen, wenn die Satzungen der Vereinigung beraten und be-
schlossen sind.
Nach den Mitteilungen aus Mtinchen scheinen nicht alle Mitglieder der Vereinigung
dort auch der Ortsgruppe anzugehören. Uber diese Fragen sowie tiberhaupt tiber die
Stellung und Eigenart der Ortsgruppen werden feste Bestimmungen in die Satzungen
aufgenommen werden mtissen.
2. Eine schwediscli-islándische Gesellschaft gegrundet. In Stockholm ist eine schwe-
disch-islándische Gesellschaft gegrúndet, deren Zweck ist, Aufklárung in beiden
Lándern tiber die Verháltnisse derselben zu geben durch Vermittlung von Presse-
artikeln und Herausgabe einer Jahresschrift, durch Förderung der kulturellen Bezie-
hungen und durch gegenseitige Förderung des Reiseverkehrs und Untersttitzung der
Reisenden. Vorsitzender ist das Mitglied unserer Vereinigung, Dr. jur. Ragnax
Lundborg. Die neue Gesellschaft záhlt schon viele Mitglieder; zu ihren Ehrenmit-
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