Mitteilungen der Islandfreunde - 01.07.1926, Qupperneq 22
rechnen, daB ich micli nach der Lufttour nicht gleich erdreiste zu konstatieren, wie-
viel von mir noch unbeschádigt iibriggeblieben ist, sondern daB ich liegen bleibe und
warte, bis mein Vater kommt und mich aufhebt — besonders da ich ja nicht lange
zu warten brauche. Schreien — das tue ich nicht, auch nicht, als mein Vater mich
rasch und eifrig von oben bis unten befiihlt und mir dadurch, ohne es zu wollen, eine
recht deutliche Vorstellung davon beibringt, daB nicht allein meine Nase iibel dran
ist. Ebenso stark wie mein eigenes Befinden bescháftigt mich námlich der fremde
Schimmer, den ich in meines Vaters Augen sehe und das Gefuhl, daB ich seine Stimme
nicht so recht erkenne, wie er mich rauh und atemlos fragt: „Wo tuts weh?“
„Nirgends!" stoBe ich gliicklich zwischen meinen klappernden Záhnen hervor —
eine Erklárung, die mehr tapfer als gerade wahrheitsgemáB ist, sintemal ich ein Gefflhl
im Kopfe habe, als ob alles darin durcheinander geschiittelt wáre, meine Nase ist wie
ein wohlassortiertes Nadelkissen, mein Rticken, als ob er in Feuer getaucht wáre, nicht
zu vergessen, daB die Empfindungen, die ich in den Fingern habe, mich auf den Ge-
danken an die rostigen krummen Nágel bringen, die Bjarni, der Schmied, in einem
Kasten neben der Esse verwahrt.
Mein Vater beftihlt mich nochmals, diesmal mit etwas festerer Hand — dann richtet
er sich erleichtert auf:
„Gebrochen ist dir wohl nichts", sagt er kurz und sieht mir fest und mit gerunzelten
Brauen gerade in die Augen. „Aber das tut wohl ttichtig weh ? . . . Bist du bange ge-
worden ?"
„Nein I" antworte ich, obschon meine klappernden Záhne mich so gut wie verraten —
werde ich noch mehr gefragt, so tue ich am besten daran, bloB noch zu nicken oder
den Kopf zu schtitteln, denke ich bei mir selber.
DaB Nonni dasteht und mich hilflos ansieht und Tránen in den matt-graublauen
Augen hat, erleichtert mir tibrigens auf irgendwelche unbegreifliche Weise meine —
diesmal áuBerst beschwerliche! — Standhaftigkeit.
Mein Vater steht noch einen Augenblick da und sieht mich an — um keinen Preis
wage ich seinem Blick zu begegnen —, kopfschtittelnd sagt er dann zu Nonni — mit
einem Lácheln, das den Wert der Worte vervielfáltigt:
„Ein Junge wie von Stahl! . . . Fáhrt lieber mit dem Kopf durch die Wand, als dáB
er nachgibt! . . . Das muB er von Ketilbjörn haben!" Ketilbjörn ist mein Muttervater,
— Ketilbjörn auf Knör — und es enttáuscht mich ein wenig, daB ich von ihm — und
nicht von Uggi auf Fjall, meinem Vatersvater, eine so offenkundig wertvolle Eigen-
schaft habe.
Im tibrigen ist meine augenblickliche Freude tiber meines Vaters Lob diesmal ziem-
lich matt und von recht kurzer Dauer. Wie ich so dastehe, sein Taschentuch gegen die
Nase gepreBt, befinde ich mich, milde ausgedrtickt, nicht gut. Das Schlimmste bei der
ganzen Geschichte ist doch schlieBlich, daB ich mich tiberhaupt nicht zu rtihren
wage; denn selbst bei der geringsten Bewegung scheuert die Hose gegen meine
Rtickseite, und dem Geftihl, das dadurch entsteht, wage ich meine Tapferkeit nicht
auszusetzen!
Glucklicherweise scheint mein Vater zu stark durch seine Abrechnung mit Skjóni
in Anspruch genommen zu sein, als daB er daran dáchte, mich zu meiner Mutter hinein-
zuschicken; daB dies námlich frtiher oder spáter bei der Geschichte herauskommen
muB — darúber bin ich mir hinreichend klar. DaB mein Vater eine Abrechnung mit
Skjóni vorhat, und daB es eine sehr ernste ist, schlieBe ich daraus, daB er seinen alten
Vorderlader geholt hat — eine furchterliche Waffe, deren Schaft nur ein paar Hand-
breit ktirzer ist als ihr langer Lauf — und auch daraus, daB er jetzt zu Skjóni hingeht,
ihm Nonnis Sattel abschnallt, diesen auf den Hofplatz wirft und mit dem alten Gaul
abzieht — schwer zu ziehen ist der, wie ein Schlitten auf nacktem Erdboden.
Wie mein Vater zum Hofe hinaus ist, kommt es ihm doch in den Sinn, was er ver-
gessen hat, und tiber die Schulter ruft er Nonni zu:
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