Mitteilungen der Islandfreunde - 01.07.1926, Qupperneq 23
„Bring Uggí hínein zu seiner Mutter und bitte sie, ihn auszukleiden und ihn gut zu
untersuchen!"
Nonnis „Ja" íállt leiser aus als jemals, und etwas wie Neugier und Verlegenheit zu-
gleich schimmert in dem Blick auf, mit dem er meinen Vater streift, wáhrend er seine
Weisung entgegennimmt.
Ich gebe Nonni flusternd Anweisung, wohin er mich bringen soll, und er tragt mich
vorsichtig hinein: durch den Hof und die Treppe hinauf nach dem „Loft"1, d. i. zum
ersten Stock hinauf, in die „rote Stube", meiner Eltern Zimmer. Drinnen legt er mich
behutsam auf meines Vaters Bett, das auch meines ist, und eilt wieder hinunter, um
meine Mutter herbeizurufen.
Ich vergesse ganz und gar zu weinen, obgleich jetzt Gelegenheit dazu und Grund
genug vorhanden ist. Ich liege und lausche. Wie lange das doch dauert! Wenn mein
Vater sich doch bloö die Sache noch einmal uberlegen wollte! . . . Armer Skjóni!
Meine Mutter kommt herbeigesturzt. Auch sie sieht anders im Gesicht aus, als ich
sie sonst gesehen habe. Mich wundert, daB sie mich nicht kúBt wie sonst, wenn mir
irgendetwas zugestofien ist. Und doch setzt es mich fast noch mehr in Erstaunen,
daB sie nicht ein Wort sagt, mich bloB mit raschen, behutsamen Hánden entkleidet,
indes die Tránen ihr Tropfen auf Tropfen aus den grauen Augen rinnen und ihr wie
kleine Báche úber die regungslosen Wangen hinabrinnen.
Nonni, der hinter ihr hereingeschlichen ist, steht mit gesenktem Kopfe, unsteten
Augen und etwas abwartend in seiner Haltung. Sein Aussehen fállt mir auf und plötz-
lich weiB ich es: er lauscht ebenso wie ich.
In diesen Augenblicken bin ich derartig von meinem Lauschen beherrscht, daB ich
kaum darauf achte, was mit mir geschieht, und nur obenhin und gleich als wáre es um
eines anderen willen, jammere ich, wenn meine Mutter unversehens an eine meiner
empfindlichen Stellen rúhrt.
Wie ich endlich den Knall höre, werfe ich Nonni einen raschen Blick zu und begegne
einem ebenso raschen Gegenblick. Nonni ist ein wenig rot geworden. Ich fiihle, daB
es auch mir heiB in die Wangen steigt. Meine Mutter schaut verwundert von mir zu
Nonni hinúber — jetzt erst scheint sie darauf aufmerksam zu werden, daB ein SchuB
gefallen ist.
„Wer schieBt?” fragt sie flúchtig.
„Ich glaube . . . glaube, das war . . . war der Bauer", antwortet Nonni kaum hörbar
und ohne die Augen zu erheben.
Einen Augenblick stehen meiner Mutter die Hánde still, ihr achtsamer Blick verliert
sich einen Augenblick in die Ferne, eine kleine Falte úber der Stirn furcht sich
und gláttet sich — dann ist sie wieder ganz bei der Sache und kleidet mich weiter
aus.
Wie sie so weit gelangt ist, daB sie endlich meine wundeste Stelle entblöBen kann,
bricht sie in die halblauten Worte aus:
„Nein, aber Kind" . . .
Gleich darauf fltistert sie Nonni hastig zu:
„Hol deine Mama! . . . Bitte sie, ihre Salben mitzubringen!"
Als er fort ist, fángt sie sachte an zu weinen, und da die Spannung jetzt gelöst ist,
stimme ich mit ein: zur Gesellschaft und auch, weil es mich dazu drángt. Das wirkt
sehr beruhigend und ist bald vorúber.
Meine Mutter streichelt mir die Backe und sagt:
Du bist doch wirklich ein túchtiger kleiner Kerl!" Das Wohlgefuhl ihrer Worte und
ihrer Liebkosung durchrieselte mich warm.
1 „Loft" bedeutet „Bodenraum", ein Zimmer unterm Dache, das in einem islándischen
Bauernhause aber nicht viel geringer ist als die unteren Zimmer.
23