Mitteilungen der Islandfreunde - 01.04.1929, Blaðsíða 21
Hier errichtete Adam einen Altar und weihte ihn dem Gotte, dem er die Geburt seiner
Seele verdankte.
Das war der erste Allar, der erbaut worden ist. — Von diesem Tage an hat die mensch-
liche Seele immerfort einen Altar nach dem anderen aufgerichtet, ohne daB sie es je-
mals aufgab oder dabei mude wurde.
Die Nachkommen' Adams verbreiteten sich uber den ganzen Erdkreis und haben Altáre
aufgerichtet auf Húgeln und auf Bergen, in Tálern und in Wústen, am feurigen SchoBe
des Kraters — und am fernsten Gestade.
Burgen wurden gebaut und Burgen wurden zerstört und der Erde gleichgemacht,
aber Altáre wurden aufgerichtet fúr alte Götter und fúr neue Götter, dort, wo ein Grund-
stein gelegt wurde und dort, wo Trúmmer rauchten — und der Rauch der Brandopfer
stieg gen Himmel.
Kinder wurden geboren, und unsere Ahnen errichteten Altáre in Freude und Dank-
barkeit. Die Kinder wuchsen auf und bauten eigene Altáre — wurden alt und starben
dahin, und ihre Nachkommen errichteten Altáre — aus Dankbarkeit.
Liebende, die sich auf Erden finden, bauen aus Sonnenstaubchen und Mondesstrahlen
eine Brúcke, und in deren Mitte, wo ihre Seelen sich treffen, errichten sie einen
Altar und legen ihr Herz in das Feuer als Brandopfer fúr den Gott, der ihnen die Traum-
seligkeit der Liebe gab.
Der Gelehrte hat seinen Altar und der Bauer, der Priester und der König. — Und auch
die, die das Dasein aller Götter leugnen, haben doch, halb unbewuBt, in irgendeinem
Winkel ihrer Seele einen Altar aufgerichtet.
V
Adam und Eva lebten und vergingen und wurden wieder zu schwarzer, fruclit-
barer Erde.
Der Felsenberg aber, auf dem der erste Mensch den ersten Altar aufrichtete, hatte
ein seltsames Schicksal.
Er sah die Zeitenwende. Jahrhunderte und Jahrtausende kamen und gingen, aber
auf seinem Gipfel stand der Altar, und Generationen opferten dort ihrem Gotte.
Das Land wurde bebaut. Ein Volk folgte dem anderen, ein Geschlecht nach dem
anderen lebte im Lande, starb aus oder wurde von jungeren, stárkeren Geschlechtern
vernichtet. Aber wie auch immer es kam — in Kampf und friedsamer Arbeit — immer
entdeckte einer den Altar des ersten Menschen oben auf jenem Berge, ging dorthin
und opferte. . . .
Der Hirte Abraham kam nach dort, als er, mit seinen Herden — Schafen, Ochsen
und Kamelen — das Land durchzog. Auch er erstieg den Berg und brachte dort dem
Gotte seiner Váter Opfer dar.
Dann zog der Nomade seines Wegs, und seine Söhne und Enkel kamen bis nach
Ágypten. Und als Jahrhunderte verstrichen waren, kamen sie wieder nach den alten
Státten, wo ihr Vorfahr seine Herden geweidet hatte. *
Saul, der König derjuden, kehrte einst heim, trunken vondem Sieg úber den trotzi-
gen Feind und auf seinem Wege fand er den uralten Berg, sah den Altar und opferte dort
dem Gotte Israels.
Spáter zog Saul denselben Weg. Aber da hatte das Glúck ihm den Röcken gewandt.
Die Feinde freuten sich des Sieges úber seine Helden, und der Feind, der sich in seine
Seele eingenistet hatte, triumphierte úber seine Stárke. — Da opferte er von neuem
an jenem Aitar aus der Vorzeit — opferte und bat um Frieden — den Frieden des
Todes, der seine kranke Seele heilen sollte — und er wurde erhört.
Jung und siegreich durchzog sein Naclifolger, der grofie König David, das Land.
Auch er fand den Altar seines ersten Ahnen und opferte dort. —
Dann eroberte er die Burg Salem — das heilige Jerusalem — machte es zu seiner
Hauptstadt und errichtete seinen Palast auf dem Berge Zion.
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