Mitteilungen der Islandfreunde - 01.10.1916, Blaðsíða 15

Mitteilungen der Islandfreunde - 01.10.1916, Blaðsíða 15
IV. GUNNAR VON HLIDARENDI Islándisches Epos in 36 Gesangen VON HELENE VON ENGELHARDT - PABST, 2 Bande (Wien 1909). Erweiterter Abschnitt aus einem Kapitel von Poestions ungedrucktem Werke úber seine Islandreise („Auf Gunnars Spuren“). Einzelne Motive aus der Gunnarssaga, dem ersten Hauptteil der Njáls- saga, sind bekanntlich mehrfach von islándischen und anderen nor- dischen wie englischen Dichtern behandelt oder verwertet worden. Die ganze Gunnarssaga hat der islándische Dichter Sigurður Breiðfjörð in der gewohnten öden Weise in Rímur umgegossen1. Ihr Inhalt bildet auch den Stoff des oben genannten Epos, einer — wie gleich hier bemerkt sei — ganz bedeutenden deutschen Dichtung von groBer Kunst und Schönheit, die aber — infolge besonderer privater Umstánde — in der Presse wie auch in dem Kreise der Islandfreunde fast unbeachtet und auf Island selbst so gut wie unbekannt geblieben2, aber doch lángst vergriffen ist und kaum je wieder aufgelegt werden diirfte. Ich habe eine rein fachkritische Besprechung des Werkes im „Allgemeinen Literaturblatt" XIX (1910) Nr. 3 veröffentlicht und behandelte das Epos auch in einem umfangreichen Essay, der jedoch ohne meine Schuld ungedruckt geblieben ist. Ich Will daher der Dichtung wie auch der 1910 inWien verstorbenen Dichterin an dieser Stelle dieWiirdigung ange- deihen lassen, die sie beide verdienen. Vorausgeschick sei, daB Helene Pabst- Engelhardt (geb. 1850 zu Wilecki in Litauen als Freiin von Engelhardt) be- reits friiher gezeigt hatte, wie gut sie islándische Sagastoffe in wirkungsvoll- ster Weise poetisch zu gestalten verstand. Schon in ihren vielgeriihmten „Normannischen Balladen" (1884) findet sich unter dem Titel „Der Ver- bannte" ein altislándischer Sagastoff, die Geschichte von Björn Breid- víkingakappi (bekanntlich von R. Riemann als „Björn der Wiking" auch dramatisch behandelt) gliicklich geformt, und das Glanzstiick ihres Biich- leins „Im Windesrauschen" (1890) bildet'e die Dichtung „Grettir der Starke", eine kraftvoll-schöne epische Bearbeitung der zum sagenumsponnenen Natio- nalhelden Islands gewordenen historischen Hauptgestalt der „Grettissaga"3. Gunnar aber hatte ihr’s schon viel friiher angetan. In ihrer Jugendzeit be- reits mit altnordischen Studien bescháftigt, ging die Dichterin schon damals an die Lektiire der Njálssaga. Als sie die Stelle von Gunnars Umkehr las, kam es — so schrieb sie mir einmal — plötzlich wie mit einem Schlage iiber sie. Sie sprang von ihrem Stuhle auf und eilte in ihrem Zimmer auf und ab wie eine Rasende. Dann stiirzte sie zu ihrer Mutter: „Mama, Mama, das ist 1 Rimur af Gunnari á Hlíðarenda (Akureyri, 1860). Besser sollen andere „Iíímur aí Gunnari Hámundarsyni á Hlíðarenda" sein, welche derselbe Dichter 1836 gedichtet hat, die aber nur handschriítlich vorliegen. 2 Das Werlc fehlt auch in „Catalogue of the Icelandic Collection bequcathed by Willard Fiskc, compiled by Halldór Hcr- mannsson (Ithaca, 1914). 3 Diese beiden Stucke sind Halldór Hermannsson in „Biblio- graphy of the Icelandic Sagas and minor Tales", Appendix, entgangen. 39

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