Mitteilungen der Islandfreunde - 01.04.1929, Qupperneq 2
Dach sind ganz von Cochlearia grönlandica bewachsen. Friiher war ein Teil
des Túns als Friedhof eingerichtet gewesen, wohl infolge eines königlichen
offenen Briefes vom 21. Mai 1706, weil die Toten im Winter nur unter den
gröBten Schwierigkeiten tiber sehr gefáhrliche Gebirge oder iiber vier widrige
Flusse befördert werden konnten. Olaus Olavius ('Olafr 'Olafsson, Ökono-
misk Reyse igjennem . . . Island. Kph. 1780; deutsch, Dresden und Beipzig
1787) sah hier noch zehn Grabstátten, von denen eine auf ausdrúcklichen
Wunsch des Bauern von Súden nach Norden gerichtet war; derselbe Bauer
hatte sich mit einem Gebetbuch und den 'Ulfarsrímur, einem Heldengedicht
úber einen christlichen König in Sachsen, begraben lassen (§ 21). In schrof-
fem Gegensatze zu dem ganz neuzeitlichen Separator, dessen Surren wir
deutlich aus der Milchkammer vernehmen, steht der mehrere Meter hohe und
lange Aschenhaufen, der uns wie die Kjökkenmöddinger (Kúchenabfálle)
der álteren dánischen Steinzeit anmutet. Wáhrend man sonst auf Island
Asche und Abfálle zumDúngen verwendet, sindauf Höfn seit Jahrhunderten
Feuerungs- und Speisereste zu einem stattlichen Húgel aufeinandergetúrmt,
und auch diese modernen Kjökkenmöddinger wúrden sicherlich manchen
kulturgeschichtlichen AufschluB geben, wenn man Zeit und Kráfte hátte,
sie abzutragen und zu untersuchen. Einige gebleichte Walknochen liegen
noch am Strande; vor Jahren hatte ein Dampfer den Wal erlegt, der Sturm
aber hatte ihn abgetrieben und zur Freude der Bewohner von Höfn an das
Ufer geschleudert. Fast unermeBlich ist der Ertrag des Vogelberges Horn.
Auch der Dorschfang in der Bucht ist ergiebig. Seehunde aber kommen fast
gar nicht vor. Zuweilen schieBt der Bauer bei Mondschein aus einer kleinen
Hútte in den Bergen auf weiBe und blaue Fúchse, die Erbeutung von vier
Tieren gilt als gut. Gras gibt es, auch in sehr schlechten Jahren, hier wie auf
Horn reichlich; daher werden auch etwa 20 Schafe und 1—3 Kúhe gehalten,
aber nur 1 Pferd, das zum Schleppen des Treibholzes, Einbringen des Heus
und Dúngen des Túns dient.
Nach Tisch lieBen wir uns nach dem Hofe Horn rudern. Von unzáhligen
schreienden, weiBen Wasservögeln umschwirrt, gebrauchten wir úber 30
Minuten, bis wir 1 /2 Stunde unterhalb des Gehöftes an der fast kreisrunden,
rings von einer Strandterrasse umgebenen Bucht Hafnarbás anlegten. An-
fangs gingen wir leicht úber den von den Anschwemmungen der vielen Ge-
birgsbáche und vom Meeressande gebildeten Kústensaum dahin, dann kam
aber unmittelbar am Strande höchst unangenehmes Steingeröll. Jenseits
des Hofes beginnt auf schmalem Saumpfade der Aufstieg zum Nordkap,
fast immer durch frisches Grún uiíd úber rieselnde Báche. Auffallend ist
die Menge Engelwurz (Archangelica offic. Hoffmann), noch mehr soll auf
dem Abhang stehen, wenn man, wie die Schwurbrúder, von den westlichen
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