Mitteilungen der Islandfreunde - 01.04.1929, Qupperneq 9
mat in erster Linie die Tiere des Waldes und der freien Wildbahn nutzten,
verstanden sie es doch durch ihre oft unternommenen See- und Heerfahrten
recht wohl, die Wasserweid zu betreiben und ihre Lebensweise darauf ein-
zustellen.
Der nördliche Polarkreis schneidet bereits den „eisigen Fels im Meer“,
sein Nordland steht schon wesentlich unter dem EinfluB der Polarströmungen
und der EngpaB von 350 km zwiscken Islands nordwestlichstem Punkt und
der grönlándischen Ostkiiste bildet ein Strombett fiir gewaltige Eruptionen
polarer Euft, deren periodisches Vorbrechen als Depressionen, als Tief-
druckwetter mit starken Niederschlágen und erheblichen Sturmen aus dem
Studium der Wetterkarten ersichtlich sind. Die mittleren und Extrem-
temperaturen sind als relativ niedrig zu bezeichnen und das islándische
Sommerklima ist nicht viel besser als das der Birkenzone im norwegischen
Gebirge, wo schon die Birke verkiimmert und allmáhlich verschwindet. So
ist es verstándlich, da(3 wir in den Atlanten auch die nördliche Baumgrenze
iiber Island hinwegziehen sehen und daher keine allzu iippigen Wálder er-
warten können, die einer höheren Sáugetierwelt geniigend Schutz und Ent-
wicklungsmöglichkeit bieten könnten. Ja, man kann behaupten, daB bis
auf wenige Stellen, im wesentlichen nur noch Birkenbusch und einzelne an-
dere Zwergbáume und -stauden zur Bildung geschlossener Bestánde befáhigt
sind. Im allgemeinen ist die islándische Natur, wie Hantzsch in einer schönen
Abhandlung úber diese Eandschaftsformen sagt, nur eine Zusammensetzung
von „Wasser, Stein und Gras“. Und doch gibt das Fehlen des Waldes dem
Uande in seinem eigentiimlich kahlen Aussehen eine eigene Schönheit — die
Schönheit der Polarlánder.
Seine ganze Liebe zu dieser eigenen Schönheit dieser nordischen Felsen-
insel mit ihren gewaltigen Eisriesen, den immer noch tátigen Feuerschliinden,
von deren Macht und Schrecken die ewig wallenden, siedend heiBen Wasser-
becken mit den tagaus — tagein wehenden Dampffahnen zeugen, mit den
schwingenden und flieBenden Nordlichtern am stemenfunkelnden Winter-
himmel und dem farbenpráchtigen Scheine der Mittemachtssonne in monate-
langer, tagheller Sommemacht, mit den weiten unbesiedelten Uandstrichen
und einer eigenen Pflanzen- und Tierwelt, hat die islándische Nation durch
Schaffung eines etwa 15 Einzelgesetze umfassenden Naturschutzgesetzes und
die Einrichtung eines mit ihrer Geschichte aufs engste verkniipften Natur-
schutz- und Nationalparkes vor aller Welt bewiesen.
Da sich das islándische Naturschutzgesetz hauptsáchlich mit der fur die
Wirtschaftsweisen der Besiedler besonders bedeutungsvollen Tierwelt be-
scháftigt, mússen wir uns vergegenwártigen, daB die Insel mit ihrer Um-
gebung an der Grenze des paláarktischen, nearktischen und arktischen
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