Mitteilungen der Islandfreunde - 01.04.1929, Qupperneq 19
Das Leben schien das Ziel zu haben, eine Leiter aufzurichten — Sprosse fiir Sprosse —,
die so hoch wiirde, daB sie bis in den himmlischen Saal hineinragte, damit das Leben
in seiner allervollkommensten Form vor den Thron Gottes treten könnte. Vor Gott, der
den ersten Lebenskeim in den MutterschoB der Erde gelegt hatte, der ihr das Gesetz
der Fruchtbarkeit und der unaufhörlich sich erneuernden Entwicklung gegeben hatte.
Alles dies sah die Sonne und voll freudiger Bewunderung uberschuttete sie die Erde
mit ihren Strahlen und machte sie Jahr fúr Jahr fruchtbar ....
II
Die Wálder wuchsen herauf.
Und das Rauschen jener unendlichen Urwálder trug geheimnisvolle Botschaft hin
und her zwischen Himmel und Erde.
Die Sonne stand niedrig, und ihre Strahlen vermochten nur mit Múhe durch das dichte
Laubwerk der gewölbten Baumwipfel zu dringen. — Und wenn die Blátter im Wind-
hauch erzitterten, huschte der Sonnenschein in schmalen Sprenkeln úber das zusammen-
gewachsene Unterholz, úber hohes, saftiges Gras und farbenprúchtige Blumen, die auf
dem fruchtbaren Erdboden zwischen den Báumen wuchsen.
Inmitten dieser Pflanzenwelt aber lag ein Wesen in Menschengestalt. Es war braun,
nackend und schlief. — Das war der erste Mensch — wir nennen ihn Adam.
Adam kannte nichts Herrlicheres als schlafen. Er war der einzige seiner Art im
Walde. Nicht wuBte er, woher er gekommen war, noch wohin er gehen wúrde. Niemals
hatte er etwas anderes gesehen als den Wald, kannte nichts anderes — und kannte
den Wald doch nicht.
Er hörte das Rauschen nicht, das úber und zwischen den Báumen dahinfuhr, und
es ist doch ihre geheimnisvolle Sprache. Vögel saBen auf jedem Ast und zwitscherten
und sangen den lieben langen Tag — gewiB, ihre Stimmen vernahm er, aber der Klang
sagte ihm nichts. Und den Zauber, der in dem schweren, stiBen Duft der Blumen
liegt, hatte er noch niemals empfunden.
Er sah die Sonne und den blauen Himmel zwischen den Zweigen hindurchlugen,
aber seine Augen waren trotzdem blind. Sie hatten noch nicht gelernt, Freude in das
Herz zu senken.
Ein innerer Trieb sagte ihm, wenn er Hunger hatte; dann standerauf, streckte sich,
gáhnte und schúttelte sich wie ein Tier und lief darauf fort, um sichNahrung zu suchen.
Alles aB er, was er finden konnte: Wurzeln, Beeren, Frúchte, Honig, Raupen und Eier.
Und war er satt, warf er sich in den Schatten der Báume oder kletterte an einem Stamm
empor, der zusammengewachsene Áste trug, damit er sich zwischen sie wie in eine Matte
legen und sich in den Schlaf wiegen konnte. — Und dann schlief er — schlief, bis der
Hunger ihn wieder weckte. —
Das war Adam. . . .
III
Und Eva kam. Von wo? Auf welche Weise? Gott erschuf sie. . . . Die Sonne
brachte sie mit.
Und die Sonne zog ihre Bahn am Himmelsbogen, schaute auf Adam hernieder, der
in íestem Schlafe lag. Sie richtete ihre brennenden Sonnenpfeile auf sein Antlitz und
auf seine Augen und tat ihr Möglichstes, ihn zu wecken. —
Denn sie wollte ihm etwas zeigen, ehe sie im Westen versank. — Und das, was ihm
zu sehen beschieden war, sollte ihn voll und ganz erwecken, sollte ihn zu dem groBen
Werke fáhig machen, das ihm allein von allen Gcschöpfen bestimmt war: er sollte die
letzte Sprosse an die Himmelsleiter legen, jenes Glied gestalten, das die ganze Schöp-
íung mit Gott verbindet.
Und das war Eva.
Sie stand im Schatten unter einer dichtbelaubten Eiche nicht mehr als eine Arm-
lánge von Adam entfernt. Sie lehnte sich an die Eiche, ihr Körper zitterte und ihre
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