Mitteilungen der Islandfreunde - 01.04.1929, Qupperneq 20

Mitteilungen der Islandfreunde - 01.04.1929, Qupperneq 20
Schönheit verbarg sich geheimnisvoll in den weichen Linien ihrer Gestalt, die lange lockige Haare umhiillten. Ihre Augen waren blau wie der Fruhlingshimmel, fragend und unergriindlich wie das Rátsel des Lebens. — Sie spiegelten den Schein der sinkenden Sonne wieder und schauten verwundert auf das schlafende Wesen, das da vor ihr lag und ihr selbst gleich zu sein schien. — Und Adam erwachte. Er öffnete die Augen und blickte verstándnislos auf die Offen- barung alles Lebens und Seins, die ihm da erschienen war. Dann brach es wie Morgendammerung aus der Dunkelheit seines Herzens hervor. — Das erste menschliche Gefiihl gab sich zu erkennen: — Es war die Verwunderung. — Er sprang hervor und reckte sich. GroB war er, kráftig, und in diesem Augenblicke schön von Angesicht. Da streckte er die Hánde nach ihr aus und ein seltsamer Laut brach von seinen Lippen. Das erste menschliche Wort, das auf dieser Erde gesprochen wurde — und das Wort hiefi: ,,Eva." — Diesen Namen gab er der Frau — jener unsterblichen Mutter von Generationen — ihr, die durch ihre Geburt auf Erden den ersten Menschen zum Manne machte. Die Sonne sank. Der Wald war erfullt von dem Farbenspiel der Abenddámmerung und allen ihren Geheimnissen. GroB und klar leuchtete der Mond zwischen den Baumstámmen auf und die Sterne schienen in dem dichten Laubdach der Baumkronen zu hángen. Und das wundervolle Farbenspiel der Dámmerung bezauberte und entziickte Seele und Sinne. Adam und Eva — zwei nackte Wesen — saBen auf dem Erdboden und schmiegten sich aneinander und umschlangen sich fester und fester. Sie fúrchteten sich, dem lebenden Schweigen zu lauschen, dem náchtlichen Zauber des Urwaldes — und hörten plötzlich das Herz einer in des anderen Brust schlagen. In dieser Nacht wurde die menschliche Seele geboren. Eva reichte Adam die Frucht von dem Baume der Erkenntnis — ihre eigenen Lippen — und zum ersten Male köBte ein Mann ein Weib. Sie lernten lácheln, und wenn sie einander in die Augen blickten, sahen sie hinein in die unaussprechliche Tiefe der ewigen Schönheit. Sie waren Menschen, beschenkt mit Seele und Sinnen, und in ihrer jungen Soele sahcn sie den Wiederschein der Göttlichkeit. Und ihre Seelen schwebten höher und höher, hinauf zu den Sternen und trafen sich dort in der ubermáchtigen Sehnsucht nach ewigem, unendlichenLeben—trafensich in dem stummen Schrei nach der Unsterblichlceit der Seele. So lagen sie Mund auf Mund und Brust an Brust und schliefen. . . . Der Wald rauschte. — Gottes Stimme flusterte in dem náchtlichen Geheimnis und wob sich hinein in die Tráume der ersten Menschen. Das Schöpfungswerk war vollendet. . . . IV Adam uud Eva erwachten bei Tagesanbruch. Sie froren und verhöllten ilire BlöBe mit den Bláttern der Báume. Der Morgenwind wehte. Die Báume bebten und neigten ihre laubreichen Kronen. Adam und Eva zitterten. Sie hörten Gottes Stimme. — Der Wald rauschte. Und Adam nalim die Frau, die ihm gegeben war, bei der Hand, und sie schritten miteinander fort. Sie gingen langen Weg. Und der Wald nahm ein Ende. Da zogen sie öber Wösten und Wiesen, durch Táler und wieder durch Wald. Endlich machten sie vor einem kahlen Berge Halt, dort, wo eine Klippe aus der nackten Erde herausragte. Sie erstiegen die liöchste Bergspitze. Uber ihnen wölbte sich der Himmel, klar, blau und unendlich. Die Sonne goB ihre brennendheiBen Strahlenfluten fast senkrecht nieder auf die Klippe, die zu ihren Fufien glöhte. — 88

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