Mitteilungen der Islandfreunde - 01.04.1929, Qupperneq 22
Und als Salomo den Thron seines Vaters bestieg, baute er den beruhmten Tempel
auf dem Berge Morja— dort versammelten sich jetzt die Priester und nahmen die Opfer
des Volkes entgegen. Und jener alte Altar auf dem Berge Golgatha geriet in Ver -
gessenheit. . . .
Wieder verstrichen Jahre und Jahrhunderte — gute Zeiten und schlechte Zeiten —.
Die Söhne Israels wurden fortgeföhrt, doch sie kamen wieder und bauten die Stadt
und den Tempel Salomos wieder auf.
Sie trkumten noch schönere Tráume von dem tausendjáhrigen Reich und von dem
Messias.
Aber die Römer kamen und raubten ihnen ihre Freiheit. Und der Messias kam und
lebte unter ihnen. Sie aber erkannten ihn nicht und bekannten sich nicht zu ihm.
Eines Tages war ein ungewöhnlich groCer Zusammenlauf und Erregung aufierhalb
der Mauern Jerusalems, an der Státte Golgatha.
Auf dem Berge wurden nach römischer Sitte drei Verbrecher gekreuzigt.
Römische Soldaten und Heerfuhrer, jtídische Búrger, Priester und Bauern bewegten
sich in bunter Menge durcheinander, ohne Unterschied der Person — Schrecken, Furcht
und Entsetzen stand auf jedem Antlitz geschrieben.
Die Menschen hatten soeben deutlich gefiihlt, wie die Erde unter ihren Fufien bebte.
Sie hatten gesehen, dafi die Felsengráber sich öffneten. Und jetzt legte sich unheim-
liche Dunkelheit úber das Land, und eisiger Sturm fegte umher, dabei war es gerade
um die Mittagszeit.
Dann klang plötzlich die Stimme des Mannes, der an dem mittleren Kreuze hing,
hernieder in die Versammlung:
„Es ist vollbraclit!" rief er laut in die Dunkelheit hinaus. Und als seine Worte ver-
hallt waren, schien ein Vorhang von der Sonne weggezogen zu werden. Sie strahlte
wieder klar und hell wie vorher.
Das war der Messias, der Menschensohn, der das grofie Opfer dargebracht hatte —
das Opfer fúr die ganze Welt auf dem Berge Golgatha. . . .
Und seine Worte wurden weiter und immer weiter in die Menschenmenge hinein-
getragen. Ihr Klang wuchs wie Meeresbrandung.
Und weiter, immer weiter wurden seine Worte getragen — uber den ganzen Erd-
kreis. Niemals verstummte ihr Klang oder erstarb — Jahrhunderte auf Jahrhunderte
lebte er fort, bis auf den heutigen Tag.
,,Es ist vollbracht!" hört man úberall, wo Kirchen stehen und Glocken láuten . . .
bis zum áufiersten Gestade, bis an die Grenzen der Welt.
Und im himmlischen Saal sitzt der Schöpfer und blickt auf die Erde hernieder. In
seinen Augen gleitet sie soeben in die Spháren des Himmels hinein — und er láchelt
úber diesen seinen Gedanken, der jetzt Vollendung fand.
Ubersetzt aus der Zeitschrift „Eimreiðin" 1928. IV. von Dr. Maria Dierking
V. BÚCHERBESPRECHUNGEN
I. W. GRÖNBECH, Nordische Mythen und Sagen. Ubers. von E. Hoffmeyer-Eppen-
stein. Jena (Diederichs) 1929. Geb. 6 M. —
Grönbech ist ein bekannter, eigenartiger Forscher auf dem Gebiete der altnordischen
religiösen und sittlichen Vorstellungen. Wer aber wissenschaftliche Sagenforschung von
diesem Buche erwartet, wúrde sich táuschen; im Gegenteil, wir mússen es mit Dank
begrúfien, dafi ein wirklicher Kenner der gesamten in Betracht kommenden Literatur
es sich nicht hat verdriefien lassen, das reiche Material ohne irgendwelche Zutat mo-
derner Gelehrsamkeit einem gröficren Publikum vorzulegen. Aber seine aus den Quellen
geschöpfte Kenntnis kommt dem Buche durchaus zugute: er hat den gesamten Stoff,
der dem Titel entspricht, zu einem Ganzen zusammengearbeitet und in einer anspre-
chenden gleichmáfiigen Form erzáhlt. Dabei geht fúr den eingeweihten Leser der so
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