Mitteilungen der Islandfreunde - 01.10.1916, Side 16
ein Buch, das ich zu schreiben habe, und ich werde es schreiben, das weiB ich
ganz genau, ganz genau.“ Kurz darauf heiratete sie den Klaviervirtuosen
Pabst. Andere Pflichten, andere Verhaltnisse diángten sie in neue Bahnen.
Sie machte die Kunst ihres Mannes zu der ihrigen, konzertierte mit ihm zu-
sammen, durchreiste die Welt an seiner Seite und teilte das wechselreiche
Los der freien Kúnstler. Aber nie hatte sie ihren Gunnar vergessen, und wann
immer eine Ruhepause in ihr arbeitsreiches Leben trat, gehörte sie ihrem
teuren Helden. Schon 1883, im Epilog zu den Normannischen Balladen,
wies sie in schönen, sehnsuchtsvollen Strophen auf Gunnar hin, und selbst
inmitten der sudlichen Farbenpracht Australiens, umgeben von den fremd-
artigen Szenen der Tropenwelt, dichtete sie ,,Eine Winterphantasie", in der
sie sich nach Island, nach Hlíðarendi, zu „Gunnar dem Unvergleichlichen"
versetzte. Und noch nach der letzten schweren Katastrophe ihres Lebens,
als das Ehepaar wáhrend der russischen Revolution aus dem beschossenen
Hause in Moskau flúchtete und Monate spáter ihre erschútterte Gesundheit
so völlig zusammenbrach, daB man sie wie eine Halbtote ins Ausland trans-
portierte, war es ihr vorwiegender Wunsch geblieben, nicht eher die Augen
zu schlieBen, als bis „Gunnar" vollendet war. Und sie vollendete ihn. Zuletzt
in Österreich (Wien) wohnhaft, besserte sich fúr kurze Zeit ihr Gesundheits-
zustand, und sie erlebte wirklich noch die Freude, ihr dichterisches Lebens-
werk dem deutschen Lesepublikum darbieten zu können. Es war dabei ein
reizender Zufall, daB diese Dichtung in Wien ans Licht der Öffentlichkeit
kam, in derselben Stadt, aus det auch (1826) die erste deutsche Verlierrlichung
altislándischen Reckentums in groBem Stile, delaMotte-FouquésRoman „Die
Sagevondem Gunnlaugur, genanntDrachenzungeund Rafndem Skalden" her-
vorgegangen und (1880) die erste und beste wissenschaftliche „Beschreibung
der islándischen Saga" (durch R. Heinzel) geliefert worden und erschienen ist.
Wie ist nun aber die Dichterin diesem Stoffe in ihrem Epos gerecht ge-
worden ? Es ist eine oft — besondérs von den Islándern — aufgestellte Be-
hauptung, daB jede Nachdichtung einer Saga hinter ihrem Vorbilde zurúck-
bleiben músse, da dieses, ganz abgesehen von der Schwierigkeit, den Geist
jener Zeit richtig wiederzugeben und die Menschen so darzustellen, wie sie
in den Sagas lebten, in den meisten Fállen ein so unúbertreffliches Kunst-
werk sei, daB es eben nicht erreicht, geschweige denn úbertroffen werden
könne. In der Tat hat auch bisher weder eine romanhafte, noch eine dra-
matische oder rein epische Bearbeitung einer Saga das Original erreicht, von
TegnérundFouqué angefangenbiszuHelenevonEngelhardt-Pabst. Die Min-
derwertigkeit der Nachdichtungen springt jedoch nur den Kennern des Ur-
bildes in die Augen,_und der Stoff der Sagas ist so hart, daB er auch in den
weicheren Formen der Nachbildung noch genug von seiner urwúchsigen
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