Mitteilungen der Islandfreunde - 01.10.1916, Blaðsíða 17
Eigenart beibehált, um eine máchtige Wirlcung auszuiiben. Aus diesem
Grunde bleibt es fiir die Dichter noch immer verlockend genug, sich dessen
zu bemáchtigen, und er kann bei geschickter Wahrung des Zeit- und Kultur-
kolorits immerhin noch auf den Beifall der Leserrechnen. Tegnérs Frithiofs-
Saga z. B. ist gewiB eine sehr schwáchliche und weichliche Nachdichtung
der altislándischen Saga gleichen Namens; aber sie záhlt noch heute zu den
gelesensten Dichtungen der Weltliteratur.
Helene von Engelhardt hat sich nicht sklavisch an die Gunnarssaga an-
geschmiegt wie der islándische Rímur-Dichter; bei groBer Treue in Einzel-
heiten hat sie vieimehr den Stoff mit aller erlaubten, in einer Hinsicht sogar.
zu weitgehenden dichterischen Freiheit behandelt. Ihren Gunnar zwar, den
„Unvergleichlichen", zeichnete sie ganz dem Bilde entsprechend, das die Saga
uns von ihm gibt. Sie liebkost ihn geradezu mit den schmeichelndsten Worten
und gleitet nachsichtig iiber seine Schwáchen hinweg; aber er ist auch wirk-
lich ein ,,makelloser“ Idealheld, sanft und doch wieder mánnlich, selbst der
strammen Gattin gegeniiber — so recht nach dem Herzen edler Frauen. Sie
entwirft aber auch von Hallgerðr, der eigentlichen Hauptperson als Lenkerin
der Geschicke Gunnars, ein wohlwollendes Bild, indem sie ihre schlimmen
Charaki:erfehler zu mildern sucht, sie als zártlich liebende Gattin und gute
Mutter schildert, ja sogar ihren árgsten Makel, die Preisgabe ihres hochher-
zigen Mannes, durch Andichtung nachtráglicher Sinnesánderung tilgen
möchte — und das ist die Hauptschwáche, iibiigens eine echt weibliche
Schwáche, der ganzen Dichtung. Helene von Engelhardt láBt námlich Hall-
gerðr ihre Weigerung, Gunnar durch zWei Locken aus ihrem Haar das Leben
zu retten, alsbald bereuen, die verlangte Bogensehne drehen und dem ver-
zweifelt um sein Leben kámpfenden Manne darbieten — jedoch zu spát. Die
Frau wirft sich auch noch jammernd uber den sterbenden Helden und sucht
mit ihrem Goldhaar das Blut seiner Wunden zu stillen; er aber haucht ihr
als letztes Wort „Armes Weib!“ zu. Sie lebt auch nach Gunnars Tode nur
mehr „sich selbst zum Leid". In Wirklichkeit hat jedoch Hallgerðr ihren
Mann mit offener Schadenfreude seinem Verderben anheimgegeben; sie
schlurfte die Scliale der Rache fur den vor acht Jahren erhaltenen Backen-
streich mit vollem Behagen bis zur Neige aus. Es láBt sich zwar nicht leug-
nen, daB man diesem „vielleicht kompliziertesten Charakter in der ganzen
Sagaliteratur, welcher der Kunst eines Shakespeare wúrdig wáre“, in ge-
wisser Hinsicht seine Bewunderung nicht versagen kann; allein eine solche
Ehrenrettung, wie sie die Dichterin Hallgerðr zuteil werden lieB, hat eine
gemeine Diebin und zweifache Gattenmörderin denn doch nicht verdient.
Sie bildet der historischen und psychologischen Wahrheit, wie auch der Ehr-
lichkeit der Saga gegenúber eine unerlaubte dichterische Freiheit, Weil sie
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