Mitteilungen der Islandfreunde - 01.10.1916, Side 18
ein íeststehendes Charakterbild, „einen Frauentypus, der auBerhalb Islands
im Norden beinahe unbekannt ist“, frauenhaft verweichlicht und somit ver-
fálscht. Gegen sonstige poetische Lizenzen, wie z. B. das Auftreten und un-
heilvolle Wirken des schon vor der Heirat Gunnars getöteten schurkischen
Pflegevaters der Hallgerðr auf Hlíðarendi ist fiiglich nichts einzuwenden, da
sie dichterischen Zvvecken dienen und weder dem Geiste der Zeit noch der
urspriinglichen Personencharakteristik zuwiderlaufen.
Im iibrigen ist es der Dichterin vollauf gelungen, die Hauptgestalten und
interessanten Nebenfiguren der Saga plastisch von dem breiten — vielleicht
nur allzu ausgedehnten — Hintergrunde ihrer orts- und naturbeschreibenden
Schilderungen abzuheben und des Lesers Teilnahme fúr sie zu gewinnen und
festzubannen. Sie úbergeht auch nur wenige — unwichtige — Episoden und
verweilt sogar mit Vorliebe bei allen Kampfesabenteuern, besonders wenn es
gilt, den Mut und die Kampfestuchtigkeit ihres Helden ins hellste Licht zu setzen.
Geradezu bewundernswert erscheinen mir die ausfúhrlichen, hochpoetischen
und dabei im allgemeinen auch richtigen Beschreibungen der so eigenartigen
Natur und Landschaft Islands, obgleich die Dichterin niemals ihren FuB auf
die Insel gesetzt hat. Und welch práchtige und zutreffende Bilder sie aus
dem öffentlichen und privaten Leben des Islánders jener Zeit zu zeichnen
wuBte — sei es nun von den ernsten Verhandlungen oder von dem froh
bewegten bunten Treiben am Althingi, sei es von háuslichen Unterhaltungen
und Festlichkeiten, sei es von traulichen Idyllen des Familienlebens usw.!
Man sieht aus dem ganzen Werke, daB die Dichterin an ihre schwierige
Aufgabe erst nach fleiBigen Studien der nordischen Altertumskunde, der
islándischen Sagas, der islándischen Naturkunde und der Topographie der
Schauplátze ihres Epos geschritten ist. DaB ihr nicht fúr alle Einzelheiten
die neuesten Forschungen zur Kenntnis gekommen sind, kann man ihr wohl
ebenso wenig verúbeln, wie die Verwertung ihres antiquarischen Wissens
auch an unpassenden Orten (wenn z. B. in den Reden die ganze Grimmsche
Mythologie ausgekramt wird, wáhrend doch in der Gunnarssaga keine einzige
Person den Narnen eines Gottes im Munde fúhrt) u. dgl. mehr. Merkwúrdig
aber ist es, daB ihr z. B. — wie schon Fouqué — der Lapsus passierte, von
Wölfen auf Island zu sprechen. Freilich berichtet auch kein Geringerer als
L. Holberg von Wölfen auf Island. Aber der berúhmte norwegische Dra-
matiker tischte in seiner Beschreibung Dánemarks und Norwegens (ein-
schlieBlich Islands) bekanntlich auch das Márchen auf, ein Kaufmann, der
aus Island kam, habe einen Islánder gesehen, der 'sich die Schuhe auszog
und sie verspeiste, als ob es Pfannkuchen gewesen wáren!
Ein besonderes Lob ist noch der schönen Sprache mit dem edlen dichte-
rischen Schwung der epischen Diktion im fúnfftiBigen Jambus zu spenden.
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