Mitteilungen der Islandfreunde - 01.07.1922, Blaðsíða 28
kommt zum Studium, sie zur Ausbildung im Gesang) und werden miteinander gliick-
lich. Die Personen sind zwar die typischen Gegensátze von Engeln und TeuíelD, aber
immerhin in gewisser Verschiedenheit. Trotzdem wáre es ungerecht, wollte man mit
diesen Angaben allein von dem Buche scheiden. Man muö doch auch anerkennen,
daB die Verfasserm (eine solche steckt deutlich hinter dem Decknamen) Sinn íiir Natur,
fiir das Leben in den abgeschiedenen Tálern und Liebe zur Heimat hat. (S. 96. „Man
sieht das Leben oben in den Tálern gerne als eintönig an; wer aber die mannigfaltige,
und feierliche Naturschönheit der Táler nie gesehen hat, dem entgeht vieles.“) Ein
Auslánder, der die Sprache genugend beherrscht, kann mancherlei úber isl. Lebens-
verháltnisse daraus entnehmen.
6. J'ON BJÖRNSSON, 'Ogróin jörd, sögur. R. 1920. Kr. 8,50.
Die Stoffe dieser 7 Erzáhlungen sind alle recht einfacher Art; die Eigenheit des Búch-
leins liegt darin, daB man stets den Eindruck der Zusammenreihung von lyrischen
Stimmungsbildern hat; insbesondere tragen auch hier die Naturschilderungen dazu
bei. Ganz zum Gedicht in Prosa ist der letzte Abschnitt geworden: „Sehnsucht" (nach
dem verstorbenen Freunde); vielleicht liegt von ferne eine gewisse Beeinflussung vor
durch Sig. Nordals Bemerkungen (in Fornar ástir) und Vorbild. In dem Verf. vermute
ích einen jungen Erzáhler, der mit der Zeit an tieferen Problemen und deren emster
Durchfuhrung seme Kraft bewáhren muB, oder er wird seinen Stimmungen die selb-
stándige Form geben mússen, die sie verlangen. Inzwischen ist mir sein Name unter
lyrischcn Gedichten in Zeitungen wiederholt begegnet.
7. THEODORA THORODDSEN, Eins og gengur (Wie es im Leben geht). Kr. 6,— ■
Auf fúr uns beneidenswertgutem Papier undmithúbscher AusstattunghatdieVerfasserin
der vielgerúhmten Þulur ein Bándchen von 8 kleinen Erzáhlungen unter obigem Titel
erschemen lassen. Alle weisen sie auf unglúckliche Menschenschicksale hin, die, mit
Teilnahme und Verstándnis geschildert, wie wirkliche Erlebnisse wirken. Dem Frem- .
den steht ein Urteil uber die Sprache nicht zu, aber sie macht den Eindruck ganz
besonderer Lebendigkeit und Natúrlichkeit. Bei dieser Art der Stoffe ist es selbstver-
stándlich, daB ein ernster Ton úber dem ganzen liegt, doch artet er nicht in Verzweiflung
aus, manchmal tragt der SchluB sogar einen durchaus versöhnenden Charakter, wie
wenn das verlassene Mádchen im Alter bei dem erwachsenen Sohne Aufnahme findet
und die Tránen, die sie im Unglúck nicht gekannt, durch die Freude gelöst werden, oder
wenn die wackere Frau, die einen Lummel zum Manne gehabt hat, ihm alles verzeiht
und seme Schuld in der Ewigkeit mit ihm teilen möchte. Viel Gemut und abgeklarte
Lebensanschauung steckt in dem kleinen Búchlein. w. H.
IX. NEUE BÚCHER
x. SIGURÐUR NORDAL, Snorri Sturluson. R. 1920.
Wenn em Buch uber einen bedeutenden Mann den Untertitel: „Der Mann und sein
Werk ‘ verdient, so wáre es dieses; aber man wúrde ihm dadurch noch nicht gerecht
werden. Es reicht noch weiter. Die ganze innere Entwicklung des islandischen Volkes
und seiner Prosaliteratur wird aufgezeigt (um von dem Abschnitt úber Snorris Edda
gar mcht zu reden), und zwar mit einzigartiger psychologischer Einsicht und histori-
schem Uberblick. Es zeigt sich eine seltene Einfuhlung in Personen und Zustánde '
vergangener Zeiten. Das Buch erfullt dabei eine sonst nicht leicht ohne Schaden fur
die eine Seite durchgefuhrte doppelte Aufgabe: es ist ein durch und durch wissenschaft-
liches Buch, das nicht allein zu allen aufgeworfenen Streitfragen feste Stellung nimmt,
und unsere Kenntnis fördert, ja erst ein lebensvolles Bild von Snorris Wesen und
Bedeutung vor Augen stellt, sondern es ist auch durchaus ein in bestem Sinne populares
Buch, das jeder gebildete Islánder mit gröBtem Nutzen und reichster Anregung lesen
ka.nn. Es kann in dieser kurzen Anzeige nicht meine Aufgabe sein, von dem tiber-
reichen Stoff des Buches ejnen Begriff zu mgchen, icli will auch nicht einzelnes heraus-
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