Mitteilungen der Islandfreunde - 01.07.1922, Blaðsíða 35
ich auch gerne gegen Bezahlung haben." Natiirlich lieB sich das einrichten, wenn er
vorlieb nehmen wollte, „aber“, meinte Gunnhild, „hoffentlich ist der Herr nicht krank ?"
Keineswegs, krank war er durchaus nicht, gar nicht an so etwas zu denken: er, der
vorige Woche den Skjaldbreid iiberschritten hatte; die ganze Nacht war er gewandert
und das noch dazu in diesem fiirchterlichen Nebel, diesem verfluchten Nebel; aber er
hatte sich nicht verirrt so wenig wie ein Vogel im Fluge, geschweige denn sich Lungen-
entziindung geholt; im Gegenteil, er fiihlte sich so gesund wie nie.
„Hm, hm,“ sagte die alte Gunnhild, aber es war etwas anderes, was sie meinte: es war
namlich ein junger Mensch im vorigen Jahr auf einem benachbarten Gehöfte gewesen,
und der war aus Reykjavík. Dieser war krank. Abzehrung oder etwas der Art. Er
steckte alle jungen Leute auf dem Gehöfte an, und dann ging er. „Ncin, Gott sei Dank,
liebe Frau. Sie brauchen keine Angst zu haben, ich werde Ihre Leute nicht anstecken,"
sagte der Fremde mit solcher Höflichkeit und Bestimmtheit, daB Gunnhild nichts mehr
zu entgegnen wuBte. So wurde man denn vor der Ture einig, der Fremde wurde als
Hausgenosse angenommen und ging mit ins Haus hinein. Er redete den ganzen Tag.
Er redete alle tot und wuBte buchstablich alles zwischen Himmel und Erde und daruber
hinaus. Die alte Gunnhild stand da, die Hande uber dem Bauch gefaltet, und Astrid
hatte keine Ahnung, daB es solclie Mánner gibt. Helgi wollte am Abend bald schlafen
gehen, und der Hirte riB den Mund weit auf. Andere kommen bei der Geschichte nicht
in Betracht.
5. Das war ein ganz merkwurdiger Mann. Konnte etwa jemand auf der Welt hiibscher
sein als er ? Er war groB und schlank, gerade gewachsen mit schönen GliedmaBen, hatte
schwarzes Haar und weiBe Gesichtsfarbe, dunkle Augen und zusammengewachsene
Brauen. AuBerdem hatte er einen Familiennamen und hieB Heidbæs; den Namen seines
Vaters aber konnte niemand angeben.
Tags darauf war der vordere Raum in Hrauntun zu einer Gemáldeausstellung ge-
worden; denn er hatte ganze Packsattel voll Bilder mit sich, und dann malte er und
malte auf Mord und PreB. Er war ein hochgebildeter Mann, wie man schon am ersten
Tag gesehen hatte, sprach von Spiritismus, Bolschewismus und indischer Philosophie,
und konnte eine fabelhafte Menge Gedichte, Anekdoten, Erzahlungen, Geschichten
» auswendig. Dazu hatte er eine práchtige Stimme, kannte alle Melodien und sagte, er
spiele an die drei Instrumente, aber in Hrauntun war nur ein Kamm vorhanden. Was
war dieser Mann vielseitig.
Er war in Kopenhagen gewesen und sang dánische Lieder wáhrcnd der Arbeit. Er
konnte englisch und französisch; staunenswert, was er alles konnte. Und ihm gefiel
Astrid.
6. Eines Tages bei herrlichem Sonnenschein nahm er sich vor, den Ketil zu malen
und wúnschte, daB Astrid mitgehe; also ging Astrid mit. Es war eine schreckliclie Hitze
an diesem Tag, aber trotzdem saB Astrid in ihrer Sonntagsbluse droben im Lavafeld,
auBer sich vor Liebe und Unschuld. Heidbæs sprach und malte und stand wie ein junger
Gott vor derLeinwand und schuf einenVulkan im Sonnenschein — ,,Und eswerdeLicht,"
sagte Heidbæs, und da ward Licht. Und sie lachten herzlich dazu. Er war so witzig,
daB es úber jedes MaB ging; wandte er sich ernsten Dingen zu, war er der Philosoph,
dessen Gedanken den höchsten Flug nahmen und in die tiefsten Tiefen hinabstiegen,
und sprach er von der Schönheit und den Wundern des Lebens, dann erhob er sich damit
wie ein kleiner Vogel zur Sonne hinauf und úber diese empor bis in den siebenten Him-
mel. Dann sah er plötzlich nach ihr, und ihre Augen begannen zu funkeln, sie wurde
úber und uber rot und sah vor sich auf den Boden, und er blickte immer nocli auf sie hin.
Ihr Herz lachte noch weiter. Im herrlichen Sonnenschein úberkam sie ein Scliauer von
Liebe. „Ach Heidbæs, o Heidbæs, lieber, teuerer Heidbæsl"
7. Als sie am Abend ihre Alltagskleidung anhatte und zum Melken hinausgehen wollte,
stand Helgi in der Stube und wusch sich. Er hatte dieÁrmel úber die Ellenbogen empor-
gestulpt, wusch seine gelbbraunen Hánde, dicken Gelenke und Arme. Sie wollte gerade
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