Mitteilungen der Islandfreunde - 01.04.1923, Blaðsíða 4
der der groBe Dichter der Tránen und Seufzer genannt worden ist: Das
Deben ist wie ein Blutstrom oder eine brennende Wunde, die erst mit
dem Tode zu heilen ist.
Wenn man bedenkt, daB das islándische Volk schon seit Mitte des 19. Jahr-
hunderts einen dauernden politischen Kampf mit Dánemark um die Selb-
stándigkeit des Dandes gefiihrt hat, der dann endlich 1918 mit der völligen
Anerkennung der Souveránitát des Dandes durch Dánemark abgeschlossen
wurde, ist es nicht zu verwundern, daB die islándischen Dieder die Schön-
heit des Bandes und die Freiheit besingen und weniger die feinsten Schwin-
gungen der menschlichen Seele wiedergeben. í
Die Dandschaft und das Klima iiben, wie bekannt, einen groBen EinfluB
auf den Charakter jedesVolkes aus, imd dies kommt deutlich zumVorschein
in der islándischen Lyrik. Das Meer an den Kiisten Islands ist entweder
stiirmisch-wild oder sanft wie am Sommertage: die Wut und die Milde
wohnen dir unter der Braue, sagt der Dichter Einar Benediktsson in seiuer
letzten lyrischen Sammlung (,,Vogar“, 1922), wáhrend ein anderer be-
lehrt, daB das Feuer der Vulkane uns zur stiirmischen Tátigkeit auffordern
und der Frost uns erhárten solle; die Berge weisen auf dieideellen Giiter hin.
Ebenso iibt das Klima einen EinfluB auf den Volkscharakter aus, wie
aus den Worten Wagners im „Faust“ erhellt:
Vom Norden dringt der scharfe Geisterzahn
auf dich herbei mit pfeilgespitzten Zungen;
von Morgen ziehn, vertrocknend, sie heran
und náhren sich von deinen Lungen. —
Und mit Recht nimmt man daher an, daB das islándische Klima auch,
wenn nicht immer giinstig, den Volkscharakter mitgebildet habe. Insbe-
sondere kann vermutet werden, daB die Schwermut, die so háufig in der
Lyrik hervortritt und dem islándischen Volkscharakter eigen ist, teihveise
durch das Klima verursacht sei. Eine einzelne Strophe möge dies erleuchten.
Der friiher genannte Dichter der Tránen und Seufzer, Kristján Jónsson,
der im Nordlande wohnte, reiste, wáhrend er das Gymnasium in Reykjavík
besuchte, jeden Herbst quer durchs Land, durchs unbewohnte Innere,
wo ein schmaler FuBsteig zwischeu zwei Riesengletschern das Nordland
mit dem Siidland verbindet, und bei einer solchen Gelegenheit machte er
folgende Strophe:
Yfir kaldan eyðisand
einn um nótt ég sveima,
nú er horfið Norðurland,
nú á ég hvergi lieima.
Uber kalten öden Sand
schweif ich nachts alleine,
Nordlands Heimat mir entschwand,
nun aber hab’ ich keine.
(Deutsch von R, Kinsky)
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