Mitteilungen der Islandfreunde - 01.04.1923, Blaðsíða 7

Mitteilungen der Islandfreunde - 01.04.1923, Blaðsíða 7
wissen, halten es fiir.notwendig, die islándische Lesewelt mit ihren Gefiihlen bekannt zu machen, und trotz ihrer háufig weinerlichen poetischen Er- giisse (sie werden von einigen die weinerlichen Poeten — etwa wie Gellert — genannt) treten sie doch als Herrscher der Natur auf. Sie schildern keine Gewalttaten oder eigene Handlungen, sondern streben danach, die feinsten und zartesten Schwingungen des Seelenlebens wiederzugeben, und manche ihrer Gedichte sind wirklich vorziiglich gelungen. Jakob J. Smári („Kal- davermsl"), Stefán frá Hvítadal („Söngvar förumannsins", ,,'Oður einyrk- jans“), Davíð Stefánsson („Svartar fiaðrir", ,,Kvæði“) und Sigurður Grímsson („Við langelda") gebören zu dieser jiingsten Schule, wáhrend die álteren, wie z. B. Stgr. Thorsteinsson, Þorsteinn Gíslason, und insbe- sondere Einar Benediktsson, der zu den gröBten islándischen Eyrikern aller Zeiten gehört, unter einem anderen Gesichtswinkel gesehen werden mxissen. Auch in der Form strebt man danach ein innigeres Band zwischen Ge- fiilil und Ausdruck zu kniipfen, und es ist das Verdienst des Pseudonymen Gestur („Undir ljúfum lögum“), den Blick der jetzigen Islánder fiir innigere Harmonie zwischen Iúed und Text geschárft zu haben. Es gehört ja, wie bekannt, zu den Extremen des modernen Expressionismus, durch den Wort- klang allein irgendeine Vorstellung lebendig zu machen, wie z. B., wenn ein dánischer Moderner mit einem Worte, das immer schneller wiederholt wird, die Vorstellung von einem Zuge, der davon eilt, zu wecken sucht („Toget“, — — —). Trotz dieses anscheinend hypermodernen Phánomens kann daran erinnert werden, daB ein áhnlicher Versuch schon von einem Skalden des 12. Jahrhunderts versucht wurde, indem Rögnvaldr jarl Kali in einer Strophe erzáhlt, wie eine Dienstmagd einmal halbtot vor Kálte in die Kuche trat; ihre Záhne klapperten und nun schildert er mit den beiden Wörtern atatata hutututu das Záhneklappern der Magd. Solche onomatopoetischen Gedichte begegnen uns zwar kaum in der modernen islándischen Eyrik, sind aber erwáhnt worden, weil áhnliche Phánomene in der islándischen Malerei auftauchen. Eben weil die islándische Eyrik schon lange Zeit mit Meisterschaft Natur- vorgánge geschildert hat, wendet man sich jetzt mit Vorliebe den Seelen- schilderungen zu. Das Zarte und Innige ist ein unlösbarer Bestandteil der islándischen Volksseele, und der Wert der einzelnen Menschenseele wird bei den modernen islándischen Dyrikern besonders hervorgehoben. Die Kraft dés islándischen Volkes, auch die der Dichter, trat naturgemáB in den Dienst des islándischen Freiheitskampfes ein; nachdem dieser Kampf glúck- lich zu Ende gefúhrt, scheint ein Umschwung auch in der Lyrik vor sich zu gehen; man wendet sich jetzt der Pflege des Innenlebens zu. Im islándischen Drama treten Motive aus der Volkssage und aus der 39

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