Mitteilungen der Islandfreunde - 01.07.1924, Blaðsíða 19
Bauwerks alles iibertreffen wollte. Auch das wird historisch sein und ist dann etwa
ums Jahr 500 zu setzen (vgl. Heusler, Herrigs Archiv 124, 9 ff.). Damals wetteiferten
^’e germanischen Könige in der Entfaltung von Macht und Glanz. Es war eine Zeit
groíier Neuerungen. Aber wenn auch Geiserichs Palast zu Karthago, auf den dieser 455
das goldstrotzende Dach des kapitolinischen Jupiter setzte, in germanischen Landen
kein architektonisches Gegenstiick gehabt hat, so standen doch die Königshallen der
Ostseelander sicher in heimisclier Tradition, von der sie nur in den MaBen, nicht in der
Art, abwichen. Wenn die Datierung von Buch (um 1000 vor Chr.) richtig ist, so war die
Tradition, auf der die „Schmiede" des Lejrekönigs fuBten, mindestens anderthalb Jahr-
tausende alt. Ein ebenso beachtenswertes wie innerlich wahrscheinliches Ergebnis.
und daB „Halle und Bauer“ zur Bronzezeit ganz anderen Zwecken gedient hátten als
zur Völkerwanderungszeit, das wáre eine Annahme, fur die jedenfalls die nahe Ver-
"’andtschaft der áuBeren Befunde nicht spricht. Es spricht aber auch sonst gar nichts
^ur sie. Einen idyllischen Urzustand, in dem es etwa das kriegerische Gefolgschaftswesen
n°ch nicht gegeben hatte, enthalten uns bekanntlich die Quellen durchaus vor, und so-
'vohl die allgemeine Wahrscheinlichkeit wie die áltesten Uberlieferungen der verwandten
^ölker verbieten es, dies fur Zufall zu erklaren. — Die Ausgrabungen von Buch sind
aUch uns Germanisten und Islandfreunden hoch willkommen.
Be*lin G. Neckel
3- NIBELUNGENSAGE UND NIBELUNGENLIED, Die Stoffgeschichte des deut-
schen Heldenepos, dargestellt von Andreas Heusler, 2. Auflage 1922.
Aus der schier unubersehbaren Fiille von Studien, Arbeiten und Werken iiber Nibelungen-
sage und Nibelungenlied seit seinem Wiederauffinden Ende des 18. Jahrhunderts hebt
sich die klare, formschöne und gedankenvolle Darstellung der Sage und der mittelhoch-
^eutschen Dichtung von Heusler lieraus „wie der Schwertlauch uber die Gráser". In
'Ueisterhaftem Aufbau wird die Sage, die dem mittelhochdeutschen Epos „Der Nibelunge
Not" zugrunde liegt, herausgearbeitet. Mit Umsicht und Blickschárfe priift Heusler,
em Kenner des nordgermanischen wie des altdeutschen Schrifttums, die Uberlieferung;
und aus den Quellen, deren Wert und Charakter Heusler feinfuhlig bestimmt, gestaltetsich
'lcm Leser, der sich seiner Fiihrung iiberlaBt, das Entwicklungsbild der Nibelungensage.
Heusler trennt die beiden Stránge der Brunhildsage und der Burgundensage. Als
cine erste Stufe der Brunhildsage stellt er ein fránkisches Brunhildenlied fest, das dem
5. oder 6. Jahrhundert entstammt; eine zweite Stufe dieser Sagc ist das aus der Thi-
^tokssaga erschlossene jungere deutsche Brunhildenlied, das er an das Ende des 12. Jahr-
'underts verlegt und dessen wesentliche Ziige er ebenso wie bei dem fránkischen Lied
nachzeichnet. Die Sinnesart des Dichtersángers des ersten Liedes, eines edlen Gefolgs-
Uiannes, wird aus den Ziigen der Dichtung ebenso erschlossen wie die des fahrenden Spiel-
’nannes, dem das jiingere Lied mit manchen gröberen Ziigen entstammt. Dort ist die
crsform die stabende Langzeile, hier die paarweise durch Reim gebundene Langzeile.
Hine starkere Ausbildung weist Heusler fur die Burgundensage nach, die in drei Stufen
uufsteigt. Zugrunde liegt ein frankisches Burgundenlied des 5. Jahrhunderts, das sich
’n den Atliliedern der Edda widerspiegelt; diese álteste Sagenform ist bereits an die
Junhildsage herangeriickt. Eine schöpferische Umformung dieser Sagenform vollzieht
ein baiwarischer, also donaulándischer Dichter im 8. Jahrhundert. Zahlreiclie trefflich
j e°nachtete Wandlungen der fránkischen Sage in diese oberdeutsche Sagenform weist
°Usler auf; gerade hier ist seine scharfsinnige Durchleuchtung des Quellenstoffes reich
uberraschenden Folgerungen, die sich auf Ursachen und Art der Umbildung beziehen.
as folgenreiche Ergebnis ist die innerliche Verbindung der Brunhild- und der Bur-
fiundensage. Auch dies Lied wird als stabrcimend erschlossen, doch macht es in der
01gezeit die Wandlung in die reimende Spielmannsform durch.
b)ic dritte Stuíe der Burgundensage erkcnnt Heusler als Epos mit 4 zeiliger Strophe
a s l'-inheit der Form; in der Thidrekssaga wio dem mittelhochdeutsclien Nibelungen-
Hcd
tritt diese Stufe noch zutage; sie ist um 1160 an der Donau entstanden.
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