Mitteilungen der Islandfreunde - 01.07.1922, Blaðsíða 6
sind zwei Hefte mit je sechs Kompositionen (1920 und 1921) herausgekom-
men;vorher hat er herausgegeben: „L,júflingar“ (Elfen), „Vorþrá“ (Friih-
lingssehnsucht) und „Freyjuspor" (Schritte der Freyja); die letztgenannten
sind fiir Instrumentalmusik.
Man darf nicht auBer acht lassen, daö fast alle islandische Tondichtung
Nebenbescháftigung ist; die Verfasser gehen zum Eebensvmterhalt einem
anderen Berufe nach und widmen nur ihre MuBestunden der Musik. Daher
darf man zur Zeit nicht erwarten, daB der Ertrag besonders reich ist
und daB die islándische Tondichtung die anderswo iibliche Höhe er-
reicht hat, zumal die Pflege dieser Kiinste hier noch sehr jung ist. Es ist
von diesen durch einen anderen Beruf reichlich in Anspruch genommenen
Mánnem nicht zu verlangen, daB sie die Zeit finden, sich in das Gelieimnis
der Musik einzuleben, wie man es wohl wiinschen möchte. Unter diesen
Umstánden kann von groBen musikaliscken Kompositionen nicht die Rede
sein; das Volk ist zu klein, als daB Aussicht bestánde, groBe musikalische
Werke herauszugeben. Dazu wáren die Kosten zu groB und der Absatz zu
gering. Daher sind es nur kleinere Arbeiten, Melodien, die gesetzt werden
fiir Chor- und Einzelgesang oder einfach gesetzt als Volkslieder. Doch
gibt es einige Sologesánge mit Klavier- oder Harmoniumbegleitxmg. Damit
muB man sich einstweilen abfinden und darf nicht dariiber klagen. Denn
fiir das islándische Volk kommt es u. a. darauf an, in höherem Grade als
bisher am Gesange persönlichen Anteil zu nehmen, und dieser Gesang muB
in erster Einie einstimmig sein. Denn wemi auch, wie gezeigt, man hier zu
Eande von Fortschreiten und Gedeihen des Gesangs sprechen kaim, so
fehlt, wie ebenfalls dargetan wurde, noch sehr viel, daB das islándische
Volk tatsáchlich ein singendes Volk wird. Erst wenn es den islándischen
Tondichtem der Gegenwart und denen, die wir von der Zukunft erhoffen,
gelingt, den Gesang im Volke zu verbreiten, so daB man tatsáchlich von einem
Singen des Volkes sprechen kann, wenn der Anteil am Gesang allgemein
wird und sich nicht auf Versammlungen und Feste beschránkt, sondern
auch ins Haus und die Familie eindringt, dann ist ein groBer Fortschritt
in der allgemeinen Bildung erreicht. Die Kraft und den Mut, den die Ton-
dichter immer wieder in das Volk hineingetragen haben, muB das Volk in
sich selbst hineinsingen, und dazu miissen die Tondichter helfen mit schönen
Melodieen, die allgemeine Beliebtheit verdienen. Ein singendes islán-
disches Volk wird nie ein schlafendes Volk, auch wenn es bis zu gröBeren
islándischen Kompositionen noch recht lange dauern sollte.
Die Sangeskunst ging Hand in Hand mit dem zunehmenden Wohlstand
und der Zunahme der Verdienstmöglichkeiten. Auch hier ist ein weiteres
Fortschreiten möglich. Damit hat der Verkehr mit anderen Eándern sich
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