Mitteilungen der Islandfreunde - 01.07.1922, Qupperneq 17
Ich konnte diesmal nur drei Wochen auf meine Islandsfahrt verwenden.
Wir hatten einen guten, nicht stiirmischen Riickweg. Es dauert gewiö
nicht lange, ehe wir aufs neue nach Island reisen, um da auch das nördhche
Rand und andere Teile der Insel zu besuchen. Wer einmal Island kennen
lernt, liebt das wunderbar naturschöne Rand mit seiner hochkultivierten
Bevölkerung, und er sehnt sicb darnach, die Bekanntschaft damit zu
erneuern.
IV. THULE1
HULE! EinAtemzugMeerluft — Sturmluft —, ein Atemzug urspriinglich quellenden ,
1 Lebens I Die miidgedachten, zergriibelten Groöstadtmenschen mit ihrer verbrauch-
ten Psyche — bei wie vielen von ihnen ist sie nichts anderes als ein literarisches Mosaik-
muster! — Diese Menschen, die so fern, so ferne den Quellen leben, aus denen Echt-
heit und Gesundheit quillt, sie tragen doch, wie der Bagnostráfling sein Zeichen, die
Sehnsucht im Blick nach dem verlorenen Jugendland, dem jungfraulichen Lande der
Seele! — Thule, mein Land, wo bist du?
Aus diesem Suchen heraus, diesem sehnsuchtsgepeitschten, irren Suchen unserer
haltlosen Zeit, ist so manche Verirrung in Kunst und Literatur zu verstehen. Ich aber
möchte die Suchenden alle vor die Sammlung „Thule" stellen und sagen: ,,Lestl“
Da weht Meerluft, da weht Sturmluft, da ist der Atemzug urspriinglich quellenden
Lebens! Eugen Diederichs hat eine Kulturtat getan, indem er uns Deutschen „Thule"
schenkte, diese planmaöige, sorgfáltig getreue, menschlich echte und doch, oder besser,
gerade deshalb kiinstlerisch einwandfreie Ubertragung der islándischen Texte, — die
erste zusammenhángende Ubertragung — gewáhrt einen tiefen Einblick in die Kind-
heit des Germanentums, in jene Zeit, da es noch fast unbeeinfluBt von der christlichen
Kultur sich selbst lebte. Was bei Nietzsche und seinen — ihren Meister selten ganz ver-
stehenden Nachbetern — zur Verzerrung wird: hier haben wir den Ubermenschen!
Nicht den intellektuell gewollten — darin liegt Nietzsches Schwáche —, nein, den
selbstverstándlich aus dem Mutterboden seiner Zeit und seiner Kultur gewachsenen
Ubermenschen. Wie seine Zeit und Kultur ihn gezeugt, so trágt sie ihn auch, der Rahmen
paBt zur Gestalt, er engt sie nicbt ein, zerdriickt sie nicht. Darin liegt das wunderbar
Erquickende, das uns anweht aus diesen Geschlechtergescliichten Altislands, — das
ist der Meerhauchl Diese Ubereinstimmung der eigenen inneren Welt mit Mit- und
Umwelt gibt diesen Sagamenschen in ihrer MaBlosigkeit das MaBvolle, láBt sie uns dort
noch sympathisch verstehen, wo unter anderen Verháltnissen jedes Verstándnis schwei-
gen wiirde, macht, daB wir an ihnen und ihrem Leben die reine Freude haben, die jener
gleicht, die ein ganz stilreines Bauwerk uns einflöBt oder — eine Berglandschaft in ihrer
in sich selber ruhenden hellen GröBe.
Es ist heute nicht meine Aufgabe, auf jeden einzelnen Band einzugehen, ich möchte
das Gesamtwerk als solches stark betonen, diese, fast möchte ich sagen: „Wuchtige
Verlegertat". Und ich möchte betonen, daB, wenn die Teilnahme des Publikums an
ihr nicht reger wird, sie in diesen schwierigen Zeitláuften gefáhrdet ist. Denn es steht
eine zweite Reihe in Aussicht, wertvolles Sagagold soll noch umgemunzt wcrden in
unsere Sprache durch jenen hingebenden Eifer, jene gewissenhafte Arbeit, die die Uber-
setzer der ersten Reibe schon beweisen. Und wie wir allen Mitarbeitern fiir diese erste
Reihe ein freudiges: „Wir danken Euchl" schuldig sind, so wollen wir ihnen fur die
zweite Reihe ein hoffnungsvolles: „Gliick auf zum Werke" zurufen. Und Eugen Die-
derichs auch I
1 Altnordische Dichtung und Prosa. Herausgegeben von Felix Niedner. Eugen Die-
derichs Verlag, Jena, von dem auch Sonderprospekte zu erhalten sind.
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