Mitteilungen der Islandfreunde - 01.04.1923, Side 5
Die Anhángliclikeit an die Heimat ist ein besonderer Charakterzug des
Islánders und ist es immer gewesen. Bekannt ist der alte Spruch: römm er
sú taug, er rekka dregr föður túna til (Stark ist das Tau, das die Helden
zieht, nach der Heimat hin), ebenso wie der Auftritt in der Njálssaga, als
Gunnar von Hlíðarendi die Gesetze des Dandes verletzt hatte und das
L,and verlassen muBte, kehrte er mitten auf dem Wege zum Schiff, das ihn
und seinen Reisegefáhrten wegbringen sollte, um mit den Worte'n, indem
er den Blick auf seinen Hof warf: schön ist die Halde und ist mir niemals
friiher so schön vorgekommen. Er wollte lieber den Tod leiden, als die Kusten
der Heimat verlassen, wie es in einem Liede heiBt, das diese Tat verherr-
licht. Ein Ravastrom soll spáter diese ganze Gegend zerstört und nur den
kleinen Flecken, auf dem Gunnar sich befand, als er zurúckkehrte, verschont
haben; ein Preis der göttlichen Vorsehung, der nicht schöner gedacht
werden kann. In dem bekannten Roman Gunnar Gunnarssons, „Der ein-
áugige Gast“, tönt die Seele des Landstreicher Pfarrer Ketills nur von der
einen groBen Sehnsucht: heim nach Borg, heim nach Borg, heim nach Borg.
Es gibt daher eine Menge von Eiedern, die Sehnsucht nach der Heimat schil-
dern; die Eyriker, die sich im Auslande mehrere Jahre aufgehalten haben, ver-
gessen nie ihreBraut im Norden, dieBraut der blauenBerge, wie sie derDichter
Þorsteinn Erlingsson nennt; eines seiner schönsten Gedichte wiederholt in
jeder Strophe: Nú er mér mætust meyjan blárra fjalla (Nun ist mir dieMaid
der blauen Berge am liebsten). Es gibt eine islándische Kolonie in Kanada,
bestehend aus 30—40 000 Islándern, die in den Jahren nach 1882, als das
Eand von Seuchen und MiBwuchs heimgesucht wurde, auswanderten. Sie
halten dort zusammen, haben eigene Kirchen und Schulen, und zwei groBe
islándische Zeitungen erscheinen dort. In allerletzter Zeit hat man versucht,
ein innigeres Band zwischen dem Heimatlande und den amerikanischen
Islándern zu knúpfen u. a. dadurch, daB man Vortráge von Islándern und
úber islándische Kultur in der Kolonie veranstaltete. Es wird erzáhlt, wie
sich die Augen der alten Eeute, die vielleicht 40 Jahre weg von der Heimat
waren, mit Tránen erfúllten, als von den ihnen bekannten Tálern uud Bergen
die Rede war und viele sprachen den Wunsch aus, sie möchten nur einmal
vor ihrem Tode die Heimat wiedersehen.
Wenn wir nun die Eyrik der letzten Jahrzehnte úberblicken, erkennen
wir, welche Motive am meisten anklingen. Die Eandschaftsschilderungen
nehmen einen groBen Platz ein; Hekla, Geysir und Gullfoss haben alle
ihre Gedichte, Berge und Gletscher, Fjorde und Táler, die Halden der Berge
und die Heiden, der Sturm, der úber die Erde saust und die See, die an den
Kústen brandet. Dies wird alles geschildert und in Verbindung mit dem
Gefúhlsleben des Dichters gesetzt; der Sturm vermehrt die Kraft des ein-
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