Mitteilungen der Islandfreunde - 01.04.1923, Síða 22
7 Kapiteln Kunde gibt von der Griindung des Vereins, von seinen Gesetzen und Zielen
seinerEntwicklung, seinen Eeistungen; ferner enthalt das Buch einen kurzen LebensabriB
der Vorsitzenden (mit Bildern), ein Verzeichnis seiner Vorstandschaft und eine Zusam-
menstellung der von dem Verein herausgegebenen Bucher.
Die Griindung dieser Vereinigung ist letzten Endes, wie jeglicher Fortschritt Islands
im 19. Jahrhundert, der Anregung des bedeutendsten Vorkámpfers aller nationalen
Belange Islands in dieser Zeit, Jón Sigurðsson, zu verdanken. Entstanden ist der
Verein aus dem Zusammenschlufi der Althingsabgeordneten, die gegen die beabsichtigte
Einengung der politisclien Rcchte der Insel im Jahre 1869 sich zusammenfanden und
am 19. August 1871 dem neu gebildeten Verein den Namen gaben. An der Spitze stand
Jón Sigurðsson. Als Zweck gibt er selbst an, „sich zu bemiihen, unserer beriihmten und
geliebten Heimat die Freiheit zu verschaffen, die zu bekommen ihr so schwer fallt, vor
allem wegen der Gleichgiiltigkeit und Uneinigkeit ihrer eigenen Kinder". Diesem Zwecke
sollte dienen: 1. Wirkung durch die Presse, 2. Versammlungen, 3. Reisen einzelner im
Dienste der Vereinigung, 4. Unterstiitzung aller Bestrebungen, die dem nationalenZwecke
dienlich sind. Die 5 Vorstandsmitglieder wurden damals aus praktischen Griinden aus den
Althingsmitgliedern gewáhlt. Zunachst unterstiitzte der Verein die Herausgabe der
letzten Jahrgange von Jón Sigurðssons ,,Ný félagsrit", schon im Jahre 1873 begann
man mit der Iferausgabe von Biichern, seit 1874 erscheint das Jahrbuch „Andvari"1,
dessen 47. Band 1922 herausgekommen ist). Anfangs wurden 50 Öre Jahresbeitrag be-
zahlt und die Veröffentlichungen mufiten die Mitglieder kaufcn, seit 1878 zahlte man
2 Kr. und bekam die Biicher geliefert; seit Ende 1919 ist der Beitrag auf 5 Kr. fest-
gestellt. Seit 1875 wurde der noch heute sehr bcliebte Kalender (das verbreitetste Buch
auf Island) herausgegeben. Spáter kamen andere, meist kleine Schriften dazu, so vor
allem der „Tierfreund".
Die Mitgliederzahl wuchs anfangs stándig; 1884 war eine Zalil von fast 1500 erreicht,
1886 plötzlich nur 600 (es ist die Zeit der schlechten Jahre, wo die Auswanderung in
grofiem Stil einsetzte). Mit Miihe erreichte man nach und nach einen höheren Zuschufi
vom Althing (das bisher 400 Iír. jahrlich gegeben hatte), seit 1893 jáhrlich 750 Kr. Jctzt
hat der Vercin etwa 1600 Mitglieder.
Soweit von der Geschichte des Vereins, wie sie Páll 'Olason dargestcllt hat.
In die Vorstandschaft trat als Mítglied 1921 der Professor der nordischen Literatur
an der Universitát dr. SigurðurNordal ein. Dieser bringt ein neues Programm mit, eine
Anregung, die von gröfiter Bedeutung werden kann.
Im Skírnir (der Zeitschrift der islándischen Literaturgesellschaft) 1918 veröffent-
lichteereinenAufsatz, deretwafolgendeLeitgedanken hat: Islandliat vor anderen Völkern
voraus die liohe Allgemeinbildung des Volkes, eine Folge der kleinen Bevölkerungszahl,
die keine ausgeprágten Standesunterschiede aufkommen láfit (und der rein erhaltenen ger-
manischen Rasse, wiirde ich liinzusetzen). Diese Bildung beruht aber im wesentlichen
auf Selbstbildung (das liegt in den Verháltnissen des Landes); dazu aber gehören ge'
eignete Biicher. Das moderne Leben kann sich nicht melir mit der an sich hervorragen-
den altnordischen Literatur begniigen. Es fehlt aber bei der kleinen Zahl des Volkes an
Biichern, die den Islándern die Möglichkeit bieten, den Fortschritten dergrofien Nationen
zu folgen ; solche Biicher lassen sich von den wenigen islándi schen Fachleuten auch
nicht ohne weiteres hcrstellen. Willman also die hohe Bildung der Islander aufrechter-
lialten, dann ist es nötig, neben den nach und nach erscheinenden einheimischen Werke11
(man kann nicht leugnen, dafi ein frischer Zug auf fast allen Gebieten auf Island herrscht)
dafiir Sorge zu tragen, dafi die Fortschritte der anderen Völker den Islándern zugang-
1 Dieses Jahrbuch diente zuerst in erster Linie politischen Zwécken und zeigte seit Ent-
stehen der Parteien um 1895 stándig die Farbung der regierenden Partci; nach und nach
gab man diese Einstellung auf. Wir finden jetzt Aufsátze der versc hiedensten Art vor.
Thoroddsen erzáhlte hier zuerst von seinen Forscliungsreisen; besonders zu beachten sind
auch die Lebensbeschreibungen bedeutender Islánder.
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