Mitteilungen der Islandfreunde - 01.04.1923, Side 28
selbe wie am ersten Tage, sonnenverbrannt und verdreht, aber kráftig und
stark wie ein Riese.
„Helgi, geh nicht," sagte sie. „Und wennder Stall emstiirzt?" fragte er.
Noch einmal hob sich das Gehöft und wieder folgte ein ErdbebenstoB. Ein
Getöse wie von starkem Sturm und dem Donner in der Ferne oder drauBen
vom Strande her, wo ragende Felsen in die Meerestiefe stiirzen.
„Das wird immer schöner!" sagte die alte Gunnliild. „Ich meine, es ware
besser, einstweilen hinauszugehen." Heidbœs gehorchte dem Rate sofort
und rannte hinaus. „Helgi," sagte Astrid, „darf ich mit dir gehen?" Sie
gingen in den Stall, die Kiihe lármten und waren ángstlich, sonst war alles
in Ordnung.
„Kann dieser feine Mann sich nicht fassen ? . . {“ fragte Helgi. „Heidbæs,
was meinst du darnit ?"
12. Der Ketil spie am Abend. Der Anblick war furchtbar und schön,
wie der Tag des Gerichts. Die Feuersáulen stiegen viele tausend Meter
hoch in die Euft empor, selbst die Dunkelheit schien in Brand geraten
zu sein. Die Funken rasten wie die Meteore durch den duuklen Himmels-
raum, verschwanden in unsichtbarer Feme oder fielen nieder. Manchmal
wurde es hell wie am l'age, daB man die ganze Gegend iiberblicken konnte.
Es war, wie wenn Feuerfliisse vom Berge strömten zum Himmel empor,
Berge von gluhender Asche. Dazwischen erzitterte die Erdoberfláche,
schweres, langgezogenes Dröhnen kam empor aus den Eingeweiden der Erde.
Die Wolken des Ausbruchs verbreiteten sich iiber das Hinmielsgewölbe,
dichte Schwaden von zu Asche gewordenen Feuern; hinter dem dickeu
Rauch verbarg sich der láchelnde Mond und die Sterne, die durch die klare
Herbstnacht eben noch herabgeleuchtet hatten. Nur der riesenhafte Leuch-
ter des Berges warf flackernde Strahlen auf die bebende Erde. — Die Men-
schen beobachteten ernst und still das Feuer, verzweifelten nicht úber die
Gefahr, geschweige denn, daB sie sinnlos hin und her gerannt und den Kopf
verloren hátten. Kaum einer schlief in diesem Gebiet einen Augenblick,
keiner war mehr als ein Mensch in dieser Nacht, aber wenige weniger.
13. Heidbæs war auBer sich. „Wer weiB, ob der Eavastrom nicht úber
das Gehöft strömt ? Oder ob es nicht bei einem ErdbebenstoB zusammen-
fállt. Der Berg könnte auch gewaltige Steine auswerfen und unsere Háuser
zermalmen. Sollten wir nicht wegreiten ? Ich vertrage námlich groBe Auf-
regungen nicht. Allmáchtiger Gott, wenn uns das Schaden bringen sollte!"
— „Wir hier glauben an Odin und Asathor," sagte Helgi, und das war
das einzige, was er zu Heidbæs sagte in der ganzen Zeit, die sie im selben
Hause waren. — Die ganze Nacht úber hielt sich Astrid in Helgis Náhe.
Am Morgen hörte der Ausbruch auf.
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