Mitteilungen der Islandfreunde - 01.04.1924, Side 10
Reykjavík, sondern auch an anderen Kiistenplátzen. (Dies láCt wiederum
auf den sozialökonomisch weniger erfreulichen Zug der Landbevölkerung
nach den Stádten schlieBen.)
Da uns Einzelzahlen iiber Ein- und Ausfuhr fehlen, begnugen wir uns mit
der Wiedergabe der statistischen Interimszahlen, wonach die Handelsbilanz
aufweist1:
Einfuhr Ausfuhr
1921 . . . 45,5 Mill. Kr. 44,3 Mill. Kr.
1922 . . . 47,2 „ „ 48,2 „ „
Die daraus ersichtliche Umwandlung der passiveu zur aktiven Handels-
bilanz hat sich aber, wie eingangs bemerkt, mitnichten in einer Besserung
der wirtschaftlichen Dage geáuBert. Abgesehen davon, daB in den Einfuhr-
zahlen vielleicht nicht alles erfaBt ist, was tatsáchlich die islándische Volks-
wirtschaft im I,aufe des Jahres belastet hat (z. B. Schmuggehvare, die in-
folge der Einrichtung der landsverzlun in betráchtlichem Umfange gehandelt
wird), und daB sicb aus diesem Grunde allein die Handelsbilanz etwas ver-
schieben dúrfte, so erhalten wir úber die tatsáchlichen Verháltnisse ein ganz
anderes Bild, wenn wir die Bilanz zur Zahlungsbilanz erweitem. An erster
Stelle der Ausgabenseite des Budgets stehen (dánische und) englische An-
leihe! — Es ist kein gutes Zeichen fúr die Prosperitát der islándischen Finanz-
wirtschaft, daB trotz dieser englischen Anleihe von 1921 der Goldwert der
islándischen Krone am Ende vorigen Jahres nur 65% der £-Paritát betmg,
seitdem sogar noch weiter verloren fiat1. Die Zinsen und Amortisationszinsen
fúr diese dánischen und englischen Anleihen belaufen sich lt. Voranschlag
fúr 1924 noch auf ca. iU, Mill. Kr.2, so daB allein hierdurch die Bilanz ein
ganz anderes Gesicht bekommt.
Die wichtigsten Ursachen dieses bedenklichen Zustandes dúrften, wenn
wir nur das Zunáchstliegende ins Auge fassen und das Komplementáre, d. h.
die wirtschaftlichen Faktoren des gesamten úbrigen Budgets, vor allem aber
auch prinzipielle Fragen, wie die nach der Möglichkeit wirtschaftlicher Un-
abhángigkeit Islands úberhaupt, beiseite lassen, fraglos in der ungewissen
Rentabilitát der Hochseefischerei und den anscheinend unsachgemáBen Ge-
scháften der Monopolverwaltung oder in der Monopolverwaltung an sich zu
suchen sein. (Es mag an dieser Stelle vorweggenommen sein, daB der in
Heft 1/2, 1923 der Mitteil. besprochene Entwurf einer Monopolisierung des
Fischhandels im Althing „eingeschlafen" ist.)
Uber die Absatzschwierigkeiten im Fischhandel sind- an dieser Stelle schon
frúher Mitteilungen gemacht worden. Diese Schwierigkeiten liaben sich noch
vermehrt. Die Islánder fassen alles, was damit zusammenhángt, unter dem
1 Vísir, 8. August 1923. 2 Stjórnartíðindi, B. 2, A. 2, 1923, S. 89.
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