Mitteilungen der Islandfreunde - 01.07.1924, Síða 2

Mitteilungen der Islandfreunde - 01.07.1924, Síða 2
liches Nachdenken iiber die tiefsten Probleme des Pebens, das standig mit dem Kampf ums Dasein verkniipft ist, Gesprache mit anderen klugen Man- nern, die dasselbe suchen, Reisen und Verkehr mit vielen Menschen, da- zwischen wieder groBe Einsamkeit und Abgeschlossenheit — all das ersetzt Schule und Biicher reichlich und schafft wahre Bildung. Man kann nait Sicherheit annehmen, daB der Verfasser der V. oft zum Althing und zu Einladungen bei Freunden gekommen ist, auch in andere Eandesteile. Auch ist es wahrscheinlich, daB er einmal oder öfter iiber See gefahren ist. Seine Dichtung beweist, daB er die Natur zu beobachten verstand und zweifellos hat er das Zusammensein mit anderen klugen Mánnern dazu ausgeniitzt, um iiber ernste Dinge mit ihnen zu reden. — Auch kann kein Zweifel daran sein, daB er groBe und schwere Lebenserfahrung durchmachen muBte. Ein Mann, der den Zusammenbruch und die Feuertaufe des Götterschicksals (ragnarök) zur Freudenbotschaft macht, ist einmal in solche Nöte geraten, daB ihm die ganze Welt wertlos schien. Niemand kann mit Sicherheit ver- muten, welche Nöte das waren. Aber man geht schwerlicli irr, wenn nian annimmt, daB er seinen Sohn verloren hat wie Egill und denselben Kainpf durchmachen muBte, um sich mit dem Leben wieder auszusöhnen. Nir- gends findet sich in der V. ein solcher Gemiitston, wie an der Stelle, von Baldr die Rede ist, Odins Kind, und dem Schmerz der Mutter um ibn. Das könnte vielleicht eine persönliche Erfahrung sein, auf der es beruht, daB in der Lebensanschauung der Dichtung Eidbruch (Friedensbruch) daS schwerste aller Verbrechen ist. Dieser Gemiitston ist verbunden mit Ernst und Mánnlichkeit. Eidbriichige und Mörder erleiden ihre gerechte Strafe< Baldr und Odin werden gerácht und die Götter kámpfen bis zum ÁuBersten gegen die tíbermacht, obgleich sie keine Hoffnung auf Sieg haben. Der Ahnenglaube ist der Jugendglaube des Dichters. Die Götterlehre in der V. ist kein Spiel und kein Symbol. Sie ist die Wirklichkeit, die die Grund- lage des Seelenlebens bildet und alle neuen Eindriicke hinterlassen ihre Spureö In den Schwierigkeiten des Lebens hat der Dichter zuerst den Trost gesucht, den dieser Glaube geben konnte. Darum miissen wir uns die Lage des Aseö' glaubens vor der Annahme des Christentums klarmachen. Der Asenglaube wáre dem Christentum nicht so kampflos erlegen, wie eS in Norwegen und speziell auf Island der Fall war, wenn er volle und öö' eingeschránkte Gewalt iiber die Leute gehabt hátte. Dazu waren diese Völker viel zu wenig geneigt nachzugeben, wo sie wuBten, was sie wollteö- Aber der heidnische Glaube war, zum Teil infolge der Ausdehnung deS Gesichtskreises und des geistigen Wachsens der nordischen Völker, zum 'feil infolge des einsickernden Einflusses aus den christlichen Nachbarlándeíö iiberentwickelt und gleichzeitig geschwácht. Odin war zum Allvater ge 2

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Mitteilungen der Islandfreunde

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