Mitteilungen der Islandfreunde - 01.07.1924, Qupperneq 4
Die 'V. wird nie richtig verstanden, am wenigsten ilire Stellung zuin Chri-
stentum, solange man davon spricht, der Dichter liabe sie in einer bestiminten
Absicht gedichtet, mag man nun als diese Absicht ansehen den heid"
nischen Glauben gegen das Christentum zu verteidigen (Finnur Jónsson)
oder dem Christentum Bahn zu brechen mit dem Nachweis, daB der heid-
nische Glaube sein eigenes Todesurteil in sich trage (BjörnM'Olsen). Wefttl
eine solche Absicht dem Dichter vor Augen gestanden hátte, bevor er das
Gedicht begann und wáhrend er daran schuf, dann wáre seine Zuruckhaltung
unverstándlich, nach welcher Seite er sich auch geneigt hátte. Besonders
schwer zu verstehen wáre dann die Exposition des Gedichtes, die Inspiratioi1
des Dichters, die dunkle uud nur kurz andeutende Form der Darstellnng-
Sie zeigt am deutlichsten, daB das Gedicht im Zusammenhang damit eut'
standen ist, daB ein neuer Ausblick iiber das Dasein dem Dichter sich öff'
nete, daB es entstanden ist, weil der Dichter nicht anders konnte, daB es eut'
standen ist in Begeisterung und unbewuBt.
So viel auch von Inspiration geredet wird, macht man sich doch gewölu1'
lich nicht klar, worin sie besteht, oder wie man sie psychologisch anzu'
sehen hat. Auch der unbedeutendste Dichter redet gerne davon, daB ,Aeí
Geist iiber ihn komme"; die Wahrheit aber ist, daB sie ihr ganzes Eeben la11?
iiberall nach dem Geiste oder auch nur nach Worten gesucht haben. AHcS
menschliche Tun láBt sich in zwei Gruppen zerlegen, ob ein bestimmtcs
Ziel damit verfolgt wird oder ob ein inneres Bediirfnis dazu treibt. W11^
ein bestimmtes Ziel verfolgt, dann gibt es verschiedene Stufen: die \r°x'
stellung von dem, was erstrebt wird, Sehnsucht und Wille es zu erreiche11'
der Kampf um das Ziel. Wenn aber ein innerer Trieb sich geltend macht>
kann man nicht unterscheiden zwischen Ziel, Streben und Handeln. Pie
temperamentvollsten Leute wissen nicht, daB sie einen Willen haben, den11
zwischen Willen und Kampf liegt kein Zwischenraum. Inspirierte MenscheU
wissen nicht, daB sie denken, denn der Gedanke ist zu geschlossen in sich, u's
daB sie sich selbst beobachteten. Deshalb kommt es ihnen so vor (und habetl
damit vielleicht recht), daB sie diese Gedanken nicht selbst gefunden habeU’
Sie hatten es auch nicht nötig, danach zu suchen. Sie sind gekommen — vo11’
Geist. Diesen Zustand hat auf seinem Gebiete Nietzsche am besten dargesteHt •
Hat jemand, Ende des 19. Jahrhunderts, einen deutliclieu Begriff dav°u’
was Dichter starker Zeitalter Inspiration nannten? Im anderen Falle 'V1
ich’s beschreiben. — Mit dem geringsten Rest von Aberglauben in sich, wii* e
man in der Tat die Vorstellung bloB Inkarnation, bloB Mundstuck, b10
Medium iibermáchtiger Gewalten zu sein, kaum abzuweisen wissen. ^e
Begriff Offenbarung, in dem Sinne, daB plötzlich, mit unságlicher SicherhLlt
und Feinheit, etwas siclitbar, hörbar wird, etwas, das einen im tiefsteö et
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