Mitteilungen der Islandfreunde - 01.07.1924, Síða 6
brauchte. Das alles geschah in einern Augenblick, so wie das bei eind11
Sinneswechsel gewöhnlich ist. Das war tatsáchlich ein Sieg des GlaubeflS-
eine zerrissene Seele, die die Wahrheit fand, die sie heilen konnte — llll<^
dieser Sieg vollzog sich zugleich in dichterischer Inspiration. Das Schicksal
der Welt offenbarte sich ihm in einem Bild nach dem anderen. Aber diese
Bilder und Vergleiche, die ihm das Dasein verstándlich machten, macbeö
das Gedicht fur uns dunkel — das Gedicht, das noch jetzt die Menscbeö
bezaubert und doch ein ebenso vollkommenes Bild von der inneren í*r
fahrung des Dichters ist wie die Strömung im Flutgebiet von der Brandu0#
des Meeres.
Introite, uam et liic di sunt-
Die V.1 spricht mit keinem Worte davon, wie die Welt und ihre áltestc11
Bewohner, die Riesen und die Götter, entstanden sind. Es wird zunáchst
davon erzáhlt, daB Burs Söhne die Erde aus der See erlioben und sie bcwoh'1'
bar machten: sie schufen Midgard, regelten die Wege der himmlischen t»c'
stirne und schufen die Zeiteinteilung.
Diesen groBen Sprung in der Darstellung des Gedichtes könnte man allc>r'
dings so erkláren, daB eine oder mehrere Strophen ausgefallen seien. Ahcí
diese Annahme ist unnötig und nicht wahrscheinlich. Der Dichter hat (hc
Vorstellungen des Volkes von dem Ursprung der Riesen, der Götter Ufi^
der Welt, die aus dem Vafþruðnirlied und der Gylfaginning allbekannt siu^’
unterdriickt, weil er ihnen nicht vollen Glauben schenken konnte. Irgend"’0
muBte man einsetzen. Der Anfang selbst muB ein Geheimnis sein, aus de'11
einfachen Grund, weil das menschliche Denken zu den letzten Ursachen u»d
tiefsten Grundlagen nicht vordringen kann. Man kann einige Schritte weiteí
vorwártskommen, behaupten, daB die Erde auf dem Riicken eines ldc
fanten ruhe, daB der Elefant auf einer Schildkröte steht, wie es in der 111
dischen Göttersage heiBt. Aber worauf steht die Schildkröte ?
In einem Punkte, der nicht besonders hervorgehoben ist, kann man sidltr
annehmen, daB der Dichter mit den Anschauungen des Volkes iibereU^
1 In diesem Kapitel versuche ich von der Lebensanschauung der Völuspá in einer Wcise
zu sprechen, daB sich jedermann unserer Zeit eine Vorstellung davon machen h111111
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Es sei mir ferne, iiber die Völuspá zu „predigen". Ich wollte nichts anderes saf,1
als was dem Iiichter vorschwebte und das womöglich mit áhnlichen Worten, 'vlC
sie gebraucht hátte, wenn er die namlichen Wahrheiten in der Sprache der Gegen'v'
sagen wollte. Doch ist es unvermeidlich, daB sich das ausnimmt, wie eine UbersctzllI'r
in eine fremde Sprache, und damit zugleich eine Fálschung: traduttore traditore. '
gebrauchen abstraktc Begriffe, wo unsere Vorfahren eher ein Bild gebrauchten. UnsC
ganzes Denken ist durchsáuert von griechischer und hebráischer Bildung, auch ’
wo die Worte dieselben sind. Was ist z. B. „Gott" jetzt und im ro. Jahrhundcr ■
Wir kommen nicht darum herum, Worte wie „Sundc" zu gebrauchen, was ganz clnis
lich ist, usw.
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