Mitteilungen der Islandfreunde - 01.07.1924, Side 8
punkte seiner Anschauungen von der Welt sind folgende: es gibt zwei gegen-
sátzliche Welten; auf der einen Seite die Welt des ungeschaffenen Stoffs, dem
die Riesen am náchsten stehen und dessen Vertreter sie sind, auf der anderen
Seite das Reich des alles beherrschenden Gottes. Götter und Menschen sind
auf dem Wege zwischen diesen beiden Welten. Von diesem Gesichtspunkt aus
wird jeder Widerspruch und jeder Kampf verstándlich. DasJZiel des Kampfes
ist, sich freizumachen von den Einfliissen, die nach unten ziehen, und eine
dauernde Verbindung mit dem höchsten Gott zu erlangen.
Aber dieser Weg ist lang. Er láBt sich nicht ohne Fehltritt zuriicklegen,
viele fallen aus der Bahn. Die Riesen lassen nicht locker bis zum áuBersten.
Die Hölle fordert das ihrige.
Zunáchst jedoch schildert die V. das goldene Zeitalter der Götter, das Lebeii
auf dem Idafeld, das sorglose J ugendleben und die Ruhe nach der schwierig'
sten Tat der Schöpfung. Dieser Abschnitt der Göttergeschichte ist aiu
besten charakterisiert mit den tiefsehenden Worten: „Nichts aus Golde dett
Göttern fehlte." Sie hatten genug: sie lieBen sich das geníigen, was sie hatten.
Aber dieses Goldalter bezeugt nichts anderes als die erste Freude dariiber,
daB sie iiber die Riesen hinausgewachsen waren und die Welt geordnet
hatten. Von Vollkommenheit ist keine Rede. J etzt beginnt gerade die Feuer-
probe, die entscheidet, wer noch höher steigen und wer wieder niedersinken
soll. Die Riesen suchen Gelegenheiten, die Götter zu versuchen. Sie lassen sicb
irremachen und verderben, nicht auf einmal, sondern Schritt fiir Schritt.
Diese einzelnen Schritte will ich versuchen aufzuweisen, den klugen Gc-
danken deutlicher zu machen, der im Gedicht in dunklen Vergleichen vor-
gefiihrt ist.
Der erste Schritt ist der undeutlichste. Aber es entspricht zweifellos dein
Geiste des Gedichtes am besten, wenn man annimmt, daB die drei Riesen-
mádchen, die dem Goldalter und der Zufriedenheit der Asen ein Ende
machen, schöne und zauberkundige Riesenmádchen, gesandt sind zu deui
Zweck, um Begierde und Ungerechtigkeit unter den Göttern zu erregen und
der Gullweig vorzuarbeiten. Das ist der Augenblick in der Göttergeschichte,
wo Odin mit Loki Blutsbriiderschaft schlieBt, Freyr Gerd zur Frau be-
kommt, die Götter Gaben von den Riesen nehmen. Aber von allen Verkehrs-
formen mit Feinden ist die gefáhrlichste, von diesen Geschenke anzunehmen-
Wenn auch vom náchsten Schritt ausfiihrlich gesprochen wird, so ist er
doch auch recht schwer zu verstehen. Der Dichter kannte die alte Geschichte
vom Kriegder Asen undWanen. DieWanen besaBenReichtumundgute Ernte,
und daher war es wahrscheinlich.daB die Asengekámpft hátten, um sich zu be-
reichern. Aber das war ein Zeichen dafiir, daB es mit ihrer Zufriedenheit und
Unschuld zu Ende war. Statt aber einfach zu sagen, die Götter hátten das
8