Mitteilungen der Islandfreunde - 01.07.1924, Blaðsíða 10
aber immer iu Ubereinstimmung mit dem schlechtesten in sich selbst ware,
könnte nie gefahrlich sein, denn niemand wiirde von ihm enttáuscht werden.
,,Aber weil du treu bist, und bist weder heiB noch kalt, werde ich dich aus-
speien aus meinem Munde.“
Die Doppelnatur der Götter veranlaBt den Eidbruch. Sie wollen deii
Riesen ausnutzen, meinen, daB der Zweck das Mittel heiligt. Sie wissen
nicht, daB die stárkste Burg um Asgard ihre eigene Unschuld war. So gehen
sie in die Falle, und das Verbrechen ist die einzige Rettung.
Diese Auffassung vom Siindenfall konnte der Verfasser der V. nicht im
Christentum finden. Der Siindenfall der Bibel ist nicht ebensogut erklárt.
Adam und Eva sind siindenlos geschaffen, nach Gottes Bild. Wie konnte die
Schlange EinfluB auf sie gewinnen, von wem hatte sie ihre Macht bekommen ?
AuBerdem tragen Adam und Eva nicht dieselbe Verantwortung fiir das
Gebot, dem zu gehorchen ihnen befohlen war, wie die Asen fiir die Eide, die
sie selbst geschworen hatten. Die V. steht in viel besserem Einklang mit
der Eebensanschauung der Gegenwart. Der Mensch ist kein gefallener
Engel, sondern ein Tier — Riese, Affe — auf dem Weg, den Göttern gleich
zu werden. Das Gottesbild ist keine Wiegengabe, sondern das letzte Zicl
einer langen Entwicklung. Die Siinde ist nicht durch eine Eaune des Schick-
sals in die Welt gekommen, sondern sie ist die naturnotwendige Eolge dieser
Entwicklung. Wie wir kein Leben ohne Tod kennen, auBer auf der nied-
rigsten Stufe, kennen wir kein Fortschreiten oline Siinde. Aber das Eeben
ándert sein Aussehen wesentlicli danach, ob wir uns stándig dem Bilde GotteS
náhern oder uns von ihm entfernen.
Gott ist treu. Er hált sein Versprechen bis zum ÁuBersten. Aber daS
Christentum nennt den Teufel Betriiger, Eiigner und Haupt der Eiige. Es
ist beachtenswert, daB der Volksglaube diese Anschauung vom Teufel be-
richtigt hat. Der Teufel ist der zuverlássigste Geselle. Jedes Wort von ihm
steht so fest wie das Amen in der Kirche. Ebenso sind die Trolle. Ihre Zu-
verlássigkeit ist anerkannt. Das ist ein ganz richtiger Gedanke. Der Teufel
und die Trolle sind wie Gott aus einer Welt, ganz und ungeteilt. Darum
sind sie sich vollkommen konsequent.
So muB der Dualismus die Sache ansehen. Die beiden Gegensátze sind iu
vollkommenexn Gleichgewicht. Die Inkonsequenz, — die Siinde •— findet
sich nur in dem Teile des Daseins, der auf dem Wege zwischen beiden ist-
Nach dem Eidbruch komrnen dunkle Wolken in dem Gedicht: der Refraiu
spricht nicht mehr von dem Rat der heiligen Götter, sondern es ist die auf*
regende Frage: Könnt ihr weiteres verstehen ? Noch ist viel Eebenskraft iu
der Welt. Die Esche steht noch in vollem Griin und Saft. Und der Weg
der Götter geht nicht unxnittelbar abwárts. Odin sucht zu lielfen. Die Göttei'
10