Mitteilungen der Islandfreunde - 01.07.1924, Qupperneq 12
Forderungeu nicht. Die Götter kannte er nicht. Aber es kam ihm der
Gedanke nicht, sich einen solchen Abstand zwischen Göttern und Menschen zu
denken, daB nicht schlieBlich ein Gericht iiber alle kommen wiirde. In diesem
Punkte ist er ganz Heide. Er nahrn die vereinzelten Göttergeschichten deS
Volkes, von den Kámpfen der Götter und Riesen, dem Tode Baldrs, dem
Ende der Welt, dem Eall der Götter, schweiBte sie zusammen, rnachte das
blinde Schicksal sehend und die Sittlichkeit zum Schicksalsfaden des Daseins.
Auf dieser Bahn der Gedanken befand sicli der Dichter, als er das Christen-
tum selbst kennen lernte, die Verkiindigung, die ein doppeltes in sich schloB:
die schrecklichste Drohung und die gliickseligste VerheiBung. Unteranderen
Voraussetzungen wáren die Punkte, die er von dem neuen Glauben iiber-
riahm, nur neue Flicken auf ein altes Gewand gewesen, in innerem Gegen-
satz zu dem Grundgedanken seiner Dichtung. So aber war er imstande, das
neue Eicht sich zunutze zu machen, nicht um das heidnische Lebensrátsel
von sich zu werfen, sondern um es mit dessen Glanz zu lösen. So wird die
V. ein lebendiges Ganzes, sowohl vom Standpunkt der Kunst, als von dem
der Bebensanschauung.
Baldr und Hödr haben es zu groBem Teil Christus zu danken, daB sie die
Herren der neugeborenen Welt werden. Doch war dieser Gedanke den Beutefl
nicht fremd, die mit der Geschichte Sigurds, dem Töter Fafnirs, aufgewachsen
waren, daB es der einzige Weg zur höchsten Vollendung sei, den Tod schuldlos
zu erleiden. So sieht man den Glanz eines besseren Tages mitten in der
árgsten Verderbnis. Eoki miBlingen seine Absichten ebenso wie Odin. Mi*
dem Tode Baldrs glaubte er den Göttern den gröBten Schaden zuzufiigeri.
erhob aber tatsáchlich Baldr auf eine Stufe höherer Vollkommenheit. Nichts
kann dem schaden, der schuldlos ist. Daher können nur gute und eidestreiie
Menschen das Götterschicksal iiberleben und ewige Wonne genieBen.
Jetzt bricht das Götterschicksal herein — das Ereignis, das fur die ganze
nordische Götterlehre bezeichnend ist, und nach Grundtvigs Meinung aus-
reichte, diese groBartiger erscheinen zu lassen als die griechische. Diese Dar'
stellung hat der Dichter zusammengestellt aus den wertvollen Stúcken deS
Volksglaubens und ihm xnit der Kraft seiner Phantasie das Gepráge gegebefl-
daB sie seinen Charakter trágt, solange man nordische Götterlehre keflfl^
und erforscht.
Wer wird siegen, Riesen oder Götter ? Tatsáchlich keiner voir beidefl-
Wie Thor der Töter der Midgardsschlange wird, aber selbst durch das G&
der Schlange erliegt, so fallen in diesem Streit alle, die kámpfen. Was da v<)1
sich geht, ist dies: Was den Streit von Stoff und Geist verursachte, wird ab'
gesondert, das Verdorbene sinkt vollkommen zur Erde, das Beste aber wfl^
durchaus gerettet.
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