Mitteilungen der Islandfreunde - 01.07.1924, Qupperneq 16
Die Naturschilderungen sind islándisch aus der Umgebung genommen:
Seh aufsteigen
Zum andern Male
Land aus Fluten,
Frisch ergriinend:
Fálle schaumen;
Es schwebt der Aar,
Der auf dem Felsen
Fische weidet. (Genzmer.)
Die goldenen Tafeln finden sich wieder im Gras auf dem Felde der Götter. Aber mit
dem Wiederkommen Baldrs und Höds hat der Dichtcr tatsachlich die Grenzen des Asen-
glaubens iiberschritten. Er hatte dieseni alles gegeben, was er verlangen konntc, und
am Ende der Dichtung kommt dio neue Botschaft zur Geltung, wic er sie an diesem Tagc
gehört hatte. Gimle war nichts anderes als eine nordische Bezeichnung, die er fur dic
himmlische Burg wáhlte (=Edelsteindach: Gering S. 154). Hier sollten gutc und wackere
Mánner ewige Wonne genieBen und dorthin sollte der höchste Gott kommen und die
I-Ierrschaft uber die erprobte Auswahl der Götter und Menschen ubernehmen. Jetzt
sah er das Ende des Kampfes vor sich und nun schien das Leben mit ihm im vollen Ein-
klang zu stehen. Die Erde, die mit aufgegrabenem Munde nach seinem erschlagenen
Sohn schnappte (wie er in dcr Ögmundardrápa gedichtet hatte), verschloB ihm nicht
mehr denAusblick. Er sah Ögmund auf Gimle und in ihm war die Hoffnung erwacht,
ihn dort wieder zu sehen. So wollte auch er dic Aussöhnung. Fur die Eidesbriichigen
war es geniigcnde Strafe, schwere Strömc zum Götterschicksal zu durchwaten; ewige
Strafen verlangte cr nicht. Er hatte den Rachctricb des Nordmanns, abcr nicht orien-
talische Grausamkcit. So blicktc er gern zum SchluB ubor eine Welt, wo das Böse be-
seitigt und aller Jammer gestillt war ... *
III. DER ALTE BERGFUCHS
Kalt wird’s in den Bergen,
Sinkt der Abend nieder,
Und den Raubgesellen
Treibt’s zu Tale wieder.
Dunkler wird’s und dunkler,
Alles schláft im Grunde,
Nur der alte Bergfuchs
Macht nun seine Runde.
Tau in Berg und Tale,
Matte Sterne winken.
Sieh das Fell sich stráuben,
Feueraugen blinken!
Friedlos fegt der Alte,
Záhne fest zusammen,
Ubers öde Steinfeld
Wie windgeschiirte Flammen.
Wenn in Weibes Armen
Schláft der junge Bauer
Zieht der Bergfuchs hungrig
Allein durch Nacht und Schauer;
Heimlich sucht er Beute,
Wo die Menschen wohnen,
Wurde auch des Bauern
Kehle nicht verschonen.
Die Mutter samt den Jungen
Hat er ihm erschlagen. —
Nun kann des Kaufmanns Gattin
Schöne Pelze tragen. —
Einsam klagt der Alte
Eaut von seinen Nöten
Nur den rauhen Bergen. —
Jeder darf ihn töten.
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