Mitteilungen der Islandfreunde - 01.07.1924, Síða 20
Aus der schöpferischen Verbindungderzweiten Stufe der Brunhildensage mit der dritten
Stufe der Burgundensage durcli einen ungenannten Dichter in dcn Donaulanden bei
Passau ist um 1200—1205 das Nibelungenlied entstanden. Wie schonbisher Hcusler
die dichterische Eigengesetzlichkeit jeder Sagenstufe aufwies, wie er die Dichterpersön-
lichkeit so, wie sie aus der innerenForm der Dichtung sich zeigte, begriff, so fiihlt er sich
auch in dies Epos als dichterische Gesamtschöpfung ein. Wie er die Vereinigung dcr
beiden Sagen zu einem Kunstwerk zeigt, die Angleichungen aufweist, die höfische Ver-
feinerung und die Gláttung der Form darlegt, die Ausweitungen: Zustands- und Seelen-
schilderungen, lyrische Vertiefung, Einfiigung von Gestalten und Auftritten und von
Zwischenspielen, das kann nur angedeutet werden. Und so arbeitet dann Heusler dic
Sagenform heraus, wie der Nibelungenlieddichter sie gestaltet hat; auch hier Wiirdigung
der dichterischen Leistung durch kiinstlerische Einfiihlung und ásthetische Erkenntnis.
So ist denn auch seine Aufteilung des Nibelungenliedes auf die Schichten der Stoffent-
wicklung nicht ein Zerstören der Einheit, sondern sie láfit uns die grofie Kunst unsercs
gröfiten Epos klarer und begreifbarer werden.
Als Ganzes ist dies Werk so beschaffen, dafi es nicht nur im Kreise der Fachgelehrten
gelesen werden sollte; seine klare schöne Sprache macht es fiir alle, die in das Verstánd-
nis des Nibelungenliedes und der Nibelungensage eindringen wollcn, wertvoll.
Liegnitz Dr. WeM
4. DIE HELDENSAGEN DES SAXO GRAMMATICUS, zweiter Teil: Kommentar
von Paul Herrmann.
Begonnen 1898, abgcschlossen Juni 1921: ein Lebenswerk, Andreas Heusler zugeeignet.
Trotz der tiefgriindigen Arbeit, die sich in dem auf fast 700 Seiten starken Werk aus-
breitet, ist Herrmanns Kommentar nicht fiir den engen Kreis der Saxoforscher geschric-
ben, sondern er erreicht durch Anlage und Ausfuhrung das Ziel, durch dcn Kommentar
in die alte nordgermanische Welt, ihr Leben, ilirc Kultur, ilire Geschichte einzufiihren.
Jcder Freund nordischen Altertums wird Belchrung aus ihm schöpfen können. Reiche
Literaturangaben, Hinweise auf die Sagenzusammenhánge, Stammbáume machen das
Werk auch als Nachschlagewerk wertvoll.
Die Einleitung zeichnet Saxos Leben und sein Werk, seine Quellen und seine Vor-
bilder, wie iiberhaupt die Persönlichkeit Saxos als Dichtcr und Forscher im ganzen
Kommentar in ihren Einzelziigen herausgcarbeitet wird. Saxo ist kein Erzáhler "'ic
die klar und knapp berichtenden Islánder, namcntlich Snorri. Seine dánische Gescliichte
ist moralisierend, ausschmiickcnd, leidenschaftlich bewegt geschrieben, und Saxo ncigt
zu pathetiscliem Stil. Jahreszahlen und Stammbaume trcten fast ganz zuriick. Aber
oft kommt ein hochmiitiger Spott oder auch ein Grauen vor der raulicn und wilden Vor-
zeit zum Ausdruck. Viel mehr als Snorri spricht er selbst zum Leser; iiberall legt er den Mafi-
stab seiner Zeit an; seine Wurdigung ist subjektiv. Seine Stárkc ist dieCharakteristik und
die seelische Kleinmalerei. Aristokratisches Denken und Mönchsgesinnung verbinden sich-
Auf die aufierordentlich reiche Fulle von Einzelheiten, die Herrmann in seinem Kom-
mentar bietet, kann in einer kurzen Besprechung seiner Arbeit nicht eingegangen wer-
den. Verdienstvoll ist die Klarheit der Anlage, die Zusammenfassung der Probleme m
Abhandlungen, die in ihrer Folge Saxos Werk erláutern. Er gibt die Sagen in knapp°r
Erzáhlung wieder, stellt sie in den Gesamtzusammenhang und zeigt ihre Verbindung
mit áhnlichen Stoffen; auch die Beziehungcn zum Márchcn, zum Volksglauben u. a-
wcrden aufgedeckt. Die oft schwer zu ubersehenden Geschlechterfolgen werden durd1
Stammbaumtafeln úbersichtlich entwickelt. Besonders sei die selbstándigc Art, in dcr
Ilerrmann manche schwerverstándliche Stelle untersucht und deutet, erwáhnt.
Herrmanns Kommentar ist in seiner umfassenden Anlage wie in seincr Darstellung
ein höchst verdienstvolles Werk. Durch seine Erláuterung erst wird die Obersetzung
Saxos wirklich wertvoil auch fúr den, der sich ohne Fachvorkcnntnisse durch sie in dic
dánische Vorzeit einfúhren will.
Liegnitz Dr. Wen^
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