Mitteilungen der Islandfreunde - 01.07.1924, Side 26
unter den dortigen Pferden gar nicht selten sind. — Auch die Art des Sattelns wird
geriigt. Es wird im allgemeinen zu locker gegurtet. Die Folge davon ist, besonders wenn
sich nach einigen Stunden der „Heubauch abgeritten" hat, daC der Sattel rutscht
und das Pferd wund scheuert, wenn, wie so háufig, nicht nachgegurtet wird. Auch
an den Sáttcln selbst, dem Herren- wie dem Ðamensattel, hat Schrader mancherle1
auszusetzen — nicht zuletzt, was ihre Instandhaltung wie die des Geschirrzeugs iiber-
haupt, betrifft. Gcradezu in einenTon der Entriistung und Empörung verfallt er je'
doch, wo er auf die Záumung zu sprechen kommt. Das islándische GebiQ ist das grau'
samste von allen, die er kennt. Er hált es fiir die kleinen und fast durchweg gutmiitigcrI
Pferde nicht nur fiir zu schwer und zu „scharf", sondern nennt es wegen seiner un-
zweckmáBigen Scharniere direkt eine „Kneifzange", die jedes Pferdemaul wund und
blutig reiBen muB — besonders dann, wenn die Hand des Reiters nicht „weich" genug
ist. An dieser Stelle sei gleich eine andere, háufig geubte, aber nicht weniger zu tadelnde
Art der Záumung erwáhnt — námlich die mit einer diinnen Schnur, welche dem Pferde
um den Unterkiefer gebunden wird und besonders bei den Packpferden gebráuclilic'1
ist, die man auf dicse Weise eins an den Schweif des anderen bindet. „Alles, aber aucb
alles tun die Islánder, durch die diinne Leitschnur, durch Strickzugel, Stahl und hartc
Hand ihre Pferde im Maul zu ruinieren und sich dadurch des Reiters höchsten GenuD-
ein weiches, nachgiebiges Pferdemaul zu versagen."
Der Verfasser ergeht sich dann in langen Ausfuhrungen úber die ganze A rt des Reito15
der Islánder. Ihnen, die sich die „besten Reiter der Welt" nennen, spricht er im all'
gemeinen jedes reiterliche Können und Gefúhl ab. Eine „korrekte" Körperhaltung
und Zúgelfúhrung, wie sie sich in anderen Lándern immer in gleicher oder áhnlicbcl
Weise als die beste herausgestellt hat, sieht man auf Island sehr selten. Statt geradc
sitzend, mitvorgeschobenemBecken, „ArmeandenLeib", flach anliegenden und zurúcb'
genommenen Schenkcln und „Hacken tief" mit dem Pferd wie verwachsen zu sein>
„hángt" der Islánder im Sattel, hat keinerlei SchenkelschluB, sondern „flattert uud
fuchtelt" stándig; d. h. er wirft die EHbogen auf und nieder und spreizt die BcinC
weit ab, um sie im náchsten Augenblick wieder gegen den Leib seines Pferdes zu schlagell>
wáhrend er es dauernd mit den Zúgeln im Maule zerrt und mit der Peitsche tupft.
ist allerdings ein selten — grotesker Anblick, den Schrader uns auf einem seiner BiWcl
von einem Reiter dieser Art bietet. Aber nicht nur die Haltung des islándischen ReitcrS’
sondern auch sein Reiten selbst geiBelt er als laienhaft und unsachgemáB. Ein Haupi'
fehler ist seiner Meinung nach der, daB meist zu schnell geritten wird, wodurch ein un-
zweckmáBiger Kráfteverbrauch stattfindet. Wáhrend man anderen Orts den pferdcU
einen tage- oder wochcnlangen Marsch kaum ansieht, ist es ein trauriger Anblick, lS'
lándische Pferde von einer lángeren Tour heimkehren zu selien, so heruntergekommcU
sind sie.
Alles in allem, Schrader meint: Die Islánder bilden sich auf ihre Reitkunste auöcr'
ordentlich viel ein, oline eigentlich einen rechten Grund zu haben. Ihre Bequemlic'1'
keit in der Pferdepflege wie beim Reiten, ihre Angst vor dem „Durchgehen" und aU
deren Untugenden ihrer doch so gutmútigen Pferdchen verhindern, daB sie wirkbc'lC
Reiter werden und haben weiterhin zur Folge, daB sie sich, ohne es recht zu wisscn>
Grausamkeiten zuschulden kommen lassen, gerade denjenigen Lebewesen gegentibcr>
die ihnen von jeher die wertvollsten Dienste geleistet haben und immer noch leisteU-
Wenn Schrader im ersten Teile seines Buches nichts unterláBt, den Islándern im H111
blick auf ihre Pferdehaltung grúndlich seine Meinung zu sagen, so setzt er in dem 'vC
umfangreicheren zweiten Teil alles daran, ihnen zu zcigen, wie sie’s besser macu
könnten — sowohl zu ihrem eigenen Vorteil als auch zutn Segcn ihrer Pferde. Es 'v'u
zu weit ftihren, auch nur in groBen Zúgen auf die Ratschláge cinzugehen, die er iu11
unter Berúcksichtigung der besonderen Verháltnisse Islands gibt, da es sich da
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