Mitteilungen der Islandfreunde - 01.07.1924, Side 28
auch nur das leiseste Geráusch dabei zu machen. Es war mir, als ob alles nah und fern
ganz ernst mir zuraunte: ,,Sei jetzt still!"
Und ich dachte: Nun will der Sommer kommen.
Morgen, wenn ich aufwache, wird Mutti vielleicht zu mir sagen: „Nun aber munter,
mein Liebling! Die Sternblumen sind aufgebrochen, grofi und schneewciB, genau wie
die Halskrause des Pfarrers!"
Da ist also der liebe Sommer doch nun endlich wicdergekommen, wiirde ich denken
und mich eiligst anziehen.
— Ich blieb stehen. —
Ja, und wenn es nicht schon am náchsten Morgen ist, dann sicher an einem der fol-
genden Xage, dachte ich weiter, und ich fiihlte die frohe Erwartung in der Kehle wic
ein freudiges Lachen.
So mochten sie denn kommen und gehen, diese langen ruhigen Tagc. Meinc Gc-
danken trugen mich weit hinaus in die Stille dor Natur und das strahlende Wettcr.
Fast immer aber dachte ich dann in diesen Stunden iiber den Sommer nach. Im Winter
hatte mir Mutti viele Geschichten von ihm erzáhlt. Von allem wuBte sie zu erzahlen.
Am meisten aber vom Sommer. Und jetzt kamen mir alle diese Geschicliten immer
und immer wieder in den Sinn. Sie kamcn ganz von selbst, wie wenn es meine eigenen
Gedanken wáren, und manchmal waren sie vielleicht auch nichts anderes. Odcr tráumte
ich mit offenen Augen da drauBen in der groBen Stille?
An einem dieser Tage ging ich am Meeresufer lang, und dies etwa waren meine Ge-
danken:
Irgendwo in weiter Ferne, so weit, daB dahin noch niemals ein Mensch gekommen ist,
erhebt sich aus dem grundlosen Meer ein steiler Berg. Da drinnen in den Felsen ist eine
dunkle und tiefe Grotte. Ihr Ausgang liegt nach Nordwesten nach dem offcnen Meere
zu. Bis hinein ins Innerste strömt die gewaltige See und ebbt nie ab.
An derStelle, wo sie zu tiefst in die Grotte eindringt, herrscht eine solche Kálte, daB
alles zugefroren ist.
Mitten im Eis steckt ein steinerner Kahn und kommt nicht los.
In diesem Kahn ruht einc Frau in tiefem Schlaf.
Ihr Gcsicht ist bleich wie Schnee. Und so lang ist ihr Haar, daB es sie ganz einhiillt
wie eine goldgewirkte Decke.
Den gröBten Teil des Jahres liegt der Grottenmund im Schatten des Berges, und
das Tageslicht dringt nicht herein.
Aber wenn der Friihling kommt, werden die Náchte so hell wie der Tag; da wandert
die Sonne weiter westwárts um den Felsen herum und geht nicht unter.
Um Mitternacht fallen die Sonnenstrahlen durch den Eingang ins Innere. Dann
schmilzt das Eis da drinnen, und der Kahn schwimmt aus der Grotte hcraus.
In dieser Nacht erwacht die blonde Frau aus ihrem Sctilafe. Sie erhebt sich auf die
Kniee gegen das Sonnenlicht, streicht das Haar aus ihrem Antlitz und láchelt. Die Blásse
verschwindet von ihren Wangen, und ihre Augen werden groB und dunkel vor Freude.
Sie beugt sich iiber den Rand des Kahnes und spiegelt sich in dem regungslosen Mecr.
Dann liuscht ein flatternder Schatten iiber die Wasserfláche. Die blonde Frau schaut
auf. Von Osten her fliegt eine Taube iiber den Berg und trágt ein griines Blatt inl
Schnabcl.
Sie hcmmt ihren Flug iiber dem Kalin und láBt e? in den SchoB der blonden Frau
fallen. Es ist ein Birkenblatt, eben erst entfaltet, so jung, daB noch der Knospenduft
an ihm haftet, und so zart wie fast durchsichtige Schmetterlingsfliigel.
Die blonde Frau atmet den Duft, und grofie Tránen perlen aus ihren Augen.
Die Taube flattert unruhig iiber dem Iíahn und gurrt ein paarmal. Dann fliegt sie
wieder ostwárts iiber den Berg.
Da richtet sich die blonde Frau auf und blickt ihr lange nach.
„Ich kommel" ruft sie, daB die Felsen widerhallen.
Dann greift sie nach den Rudern und treibt den Kahn ostwarts der Taube nach-
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