Mitteilungen der Islandfreunde - 01.07.1924, Blaðsíða 29
£*ie Sonne steigt höher am Himmel, doch noch ist es Nacht.
>)Ich kommel Ich kommel" ruft die blonde Frau und legt sich fester in die Riemen,
Und der Kahn laBt liinter sich eine lange Spur — wie eine bewegte glanzende Schleppe.
Nah einem hohen Felsen treibt sie dem Ufer zu und steigt ans Land.
Her Berg liegt noch in tiefem Schlaf, und grauer Tau bedeckt seinc Hange; denn
noch ist Nacht.
Aber iiber dem höchsten Felsrand liegt sich die Taube wie ein winziger Punkt. Dann
verschwindet sie ganz.
Die blonde Frau befestigt ihren Kahn und geht den Hang hinauf. Ihre Spuren zeich-
nen einen dunkelgriinen Pfad in den Tau.
Ab und zu bleibt sie stehen und sucht etwas im Grase.
Endlich findet sie eine winzige, noch fest verschlossene Blumenknospe.
>>Wie wird deine Farbe, mein Knöspchen?" sagt die blonde Frau.
>>Blau soll ich werden, sagt meine Mutter," antwortet das Knöspchen.
>>Gich such ich nicht," spricht sie und geht weiter.
Aber wieder hált sie ab und zu inne und sucht im Grase. Und endlich findet sie ein
neues Knöspchen, aber auch das ist noch nicht aufgesprungen.
>>Wie wird deine Farbe, mein Knöspchen?" sagt die blonde Frau.
>>Pot soll ich werden, sagt meine Mutter," antwortet cs.
>>Dich such ich nicht," spricht sie und geht weiter.
Bald darauf hat sie die Höhe des Berges erreicht, doch nie wendet sie den Blick zuriick.
Und einen ganzen Tag wandert sie.weiter; denn sie findet nicht, wonach sie sucht.
So still ist der Tag, dafl sich kaum ein Vogel hören láBt, und das Rauschen der Wasser-
aue scheint von tief drinnen aus den Bergen zu kommen. Weil nichts ihr Suclien
stören darf.
Und die blonde Frau wandert von Berg zu Berg und sucht in der Stille Tag um Tag . . .
SchlieBlich nach langer Wanderung ist sie an jenen Berghang gelangt, der auf der
nnderen Seite des Landes zum Meere hin abfallt.
Aber dann ist es wieder Nacht, und Tau liegt auf dem Grase.
Die blonde Frau steigt den Hang hernieder, und solange auch ihr Suchen schon
''dihrte, schreitet sie noch so leicht dahin, wie ein Fleckchen Sonnenschein iiber die
Erde gleitet.
i einmal ist sie bis an den FuB des Berges gekommen. Auf dem letzten Absatz
a‘t sie inne und beschattet mit der Hand ihre Augen, weil die Nachtsonne gerade auf
Sle zuscheint . . . Dort lagen die Gehöfte der Fischer am Felshange, und da war jetzt
es in tiefem Schlaf, so wie das letzte Mal, als sie hierher kam.
Aber selbst, wenn einer noch wach wáre, drinnen hinter den Fenstern wiirde er nichts
'Vahrnehmen, wenn sie vorbeigeht. So leise schreitet ihr FuB.
Da bleibt die blonde Frau vor der kleinsten Iliitte des ganzen Fischerdorfes stehen.
10 ist so niedrig, daB das Gras in halber Höhe der Wand mit dem Dachstroh sich
hcriihrt.
Aber rings um das Háuschen herum stehen groBe, noch fest geschlossene Bliiten-
cn°spen in dichtem Kranz.
>>Wie wird eureFarbe, meine Knöspchen ?" fliistert die blonde Frau und beugt sicli
uber sie. 1
>>WeiB sollen wir werden," sagen die Knospen.
bin' UCh bab 'cb gesucht," sagt sie und weiB sich vor Freude nicht zu lassen. „Ich
111 V°n e*nem Berg zum anderen gegangen und liabeEuch Tag fiir Tag gesucht; denn
r SeitJ die hellsten von allen. Euch hab ich meinen ersten KuB bewalirt."
ist í'1-1'0 huBte sie die Knospen —: eine jede. Erst die gröBte, die hocliaufgeschossen
ls zum Rande des Daches, und eine nach der anderen, zuletzt die kleinste.
a springen sie auf und werden groBe schneeweiBe Sternblumen.
We^kht zu verwun(iern, daB ich F.ucli so lange vergebens suchen muBte, so schön
6 "'r seid!" sagte die blonde Frau und láclielte, erfullt von tiefer Freude.
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