Mitteilungen der Islandfreunde - 01.07.1924, Qupperneq 30
Ara Morgen nun, wenn die Menschen aufstehen, sagen sie: ,,Die Sternblumen sind
aufgebrochen iiber Nacht. Jetzt ist der Sommer da.“
Aber niemand weiö von der blonden Frau, weil die Sonne so heiB scheint, daB der
Tau an den Grásern langst getrocknet ist . . .
So dachte ich und gab nicht acht, wohin ich lief. Da bemerkte ich, daB ich bis zur
Rotenburg gekommen war. Ganz erstaunt machte ich halt. Es war ein betrachtliches
Stuck, das ich da in meiner Tráumerei gelaufen war.
Welch eine gesegnete Ruhe! Nicht einmal das Rauschen des Wasserfalles ist zu
hören. Die Höhen dahinten halten den Ton vollkommen zuriick.
Die Buchten östlich von der Rotenburg waren gánzlich unsichtbar durch das Spiegel-
bild der Berge, nur ostwárts in der Ferne sah man noch die áuBersten Ránder wie einen
silberweiBen Faden in dieser Stille . . . offenbar neigte sich der Tag dem Abend zu.
Dort saBen einige Eiderenten auf den tangbewachsenen Steinen. Sie hatten sich
dahintreiben lassen bei dem schönen Wetter und hielten ihren Nachmittagsschlummer.
Weit drauBen auf demWasser sah man winzige dunklePunkte. Das waren die Fischer
mit ihren Sommerkáhnen, die dem Lande zusteuerten vor Einbruch der Nacht.
Auf dem Borge droben zwitscherte ein Vögelchen, aber nur ein einziges Mal. fch
horchte. Es zwitscherte nicht wieder.
,,Nun sind die Vögel schon abendstill," sagte ich zu mir selbst. ,,Da werde ich wohl
am besten auch nach Hause gehen."
Und ich wandte mich heimwárts.
So gingen diese Tage hin. Unbemerkt war der Abend da, und doch waren die Tage
so lang, wundcrbar lang, wenn man sie mit BewuBtsein erlebte.
Jetzt tauchte das Dorf wieder auf. Von den Háusern stiegen weiBblaue Rauch-
wölkchen senkrecht in dic Höhe und hoben sich von den griinen Hángen malerisch ab.
Aus dem FluBtal trieb der Kuhhirt seine Herde dorfwárts. Es war Zeit zum Melken
fur die Tiere; denn als sie das Dorf sahen, beschleunigten sie ihren Gang und fingen
lebhaft an zu briillen. Lange hallte das Echo in den Bergen nach.
Jenseits der Bucht tauchte einsam dio Kirche aus dem Abendnebel empor, der schon
die ganze Landzunge eingehullt hatte.
Mutti stand vor der Tiir, als ich heimkam. Sie hatto ihren roten Rock an und trug
einen Wassereimer in der Hand.
,,Du kommst recht spát heut abend, mein Liebling," sagte sie.
„Ich bin am Meere entlanggegangen."
Sie láchelte.
„Ich habe gar kein Brennliolz mehr," fuhr sie fort, „morgen gehen wir miteinander
auf den Berg und holen Reisig; da miissen wir beide ordentlich arbeiten."
Ich sah nach den Sternblumen. Sie waren ganz feucht vom Nachttau.
Vielleicht springen sie heute Nacht auf, dachte ich.
„Komm jetzt zu Bett, mein Kind!" sprach meine Muttor und ging in die Hiitte.
„Ja, ja, nun haben wir wohl nicht mehr lange auf den Sommer zu warten," mur-
melte ich fiir mich und folgte Mutti ins Haus.
Mit Beteiligung von G. Woljf iibers. v. W.
XII. YORTRÁG-E
1. Herr H. Erkes hált wáhrend des Winterhalbjahrcs 1924/25 an der Universitát Köle
eine allgemeine öffentliche Vorlesung (wöchentlich 1 Stunde) uber „Island und die Is'
lánder", als zusammenfassende Darstellung der gesamtenlslandkunde nach ihremgege11'
wártigen Stande.
2. Herr Oberlandgerichtsrat Dr. II. Jaden hielt am 11. Februar 1924 im Wissen-
schaftlichen Ciub in Wien einen Vortrag iiber: „Islándische Kostumkunde11 Jnlt
Lichtbildern.
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