Mitteilungen der Islandfreunde - 01.04.1924, Síða 2
ders hervorragen. Aber ein Wunder, das allem die Krone aufsetzt, halt
Island noch zuriick. Durch einen Einschnitt im Horizont leuchtet in der
Richtung nach dem geheimnisvollen Inneren der Insel wie ein Schild, den
Engel zum Himmel emporhalten, der fleckenlose Dom des Ok.
Wenn man etwa in die Mitte des Fjords gekommen ist, bemerkt man auf
der Nordseite eine kleine Kirche aus Wellblech, die auf einem grasbewach-
senen Abhang, der vom Rande des Wassers emporsteigt, sich erhebt, und
das Pfarrhaus dicht daneben, und dann, etwa i km weiter die Anhöhe hinan,
ein einsames, weiBes Farmhaus. Die Kirche ist die von Saurbær, das einsame
Farmhaus ist das Gehöft Ferstikla. Hier wollen wir landen und nachdenken.
Die Jahrhunderte gehen riickwárts und wir glauben uns auf diesem Abhang
in einer Welt der Tráume. Es ist das Jahr des Heils 1674. Die Herbsttage
werden schon dunkel auf den Winter zu und die Sturmwinde brausen land-
wárts von dem kalten grauen grönlándischen Meer. Und in der einsamen Farm
liegt ein Eeprakranker im Sterben. Alles um ihn herum ist unfreundlich
und ungemiitlich. Das Haus ist alt und feucht. Die primitiven Pergament-
fenster rasseln im Wind, wáhrend der Kranke in seinem Bettkasten in dem
herzbrechenden Elend seines Ueidens das Ende erwartet. Doch siehe! Die
Uippen bewegen sich, und in stiller Ehrfurcht hören wir sein Sterbegebet, das
wie ein Triumphgesang klingt. Dieses Uied war sein Schwanengesang. Kurz
darauf fiel er in Schlaf und ward zur letzten Ruhe gelegt am Tore vor der
kleinen Kirche von Saurbær, wáhrend die Kirche auf der ganzen Welt sich
anschickte, den Allerheiligentag zu feiem.
So muB das Hinscheiden Hallgrím Pjeturssons gewesen sein, des heiligen
Sángers Islands, wenn wir uns diese Szene lebendig vor Augen stellen
wollen. Sie ist ein glánzendes Beispiel fiir den Sieg des Geistes iiber daS
Fleisch, fiir den Triumph des Christen in der Stunde der tiefsten körperlichen
Not. Da kann es uns auch nicht iiberraschen, daB dieser Mann trotz seinef
Armut seinen Uandsleuten eine der wertvollsten Erbschaften hinterlassen
hat, die sie je bekamen: Die Passionslieder, die islándische Herzen hoch-
halten werden, „solange die Sonne scheint auf den kalten Gletscher".
Hallgrímr Pjetursson war 1614 geboren. In wirtschaftlicher Beziehung
war das 17. Jahrhundert eine Zeit des Ueidens fiir die nördliche Insel, aber
in geistiger Beziehung hat die Reformation ein neues Erwachen gebracht,
trotz der sehr weltlichen Art, in der sie dem Uande urspriinglich durch die
dánische Regierung aufgezwungen wurde. Hallgríms Vater war Glöckner
an der Domkirche zu Hólar, wo 1584 Bischof Guðbrandr die erste vollstán-
dige islándische Bibel hatte drucken lassen. Dort brachte der Dichter seine
Jugend zu, bis er aus uns unbekannten Griinden vom Uande fort nacli Dáne-
mark geschickt wurde. Hier, in der groBen Stadt Kopenhagen, waren die
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