Mitteilungen der Islandfreunde - 01.04.1924, Qupperneq 4

Mitteilungen der Islandfreunde - 01.04.1924, Qupperneq 4
Doch der verlorene Sohn kam zuriick zum Vater. Brynjólfr Sveinsson, sein alter Wohltáter, war jetzt Bischof in Skálholt, und machte ihn zum Pfarrer, dá er die tiefe Reue des Mannes sah. Sein erstes Amt, in das er 1644 eingesetzt wurde, lag nahe bei dem unfruchtbaren Wohnsitz seiner Ver- bannung. 1651 wurde er nach Saurbær am Hvalfjord versetzt. An der Kiiste dieses herrlichen Fjords beschlofi Hallgrímr seine hohe Dich- tergabe der Aufgabe zu widmen, das Deiden Christi zu besingen, dem er seine seelische Erneuerung verdankte. Die letzte Hálfte des 16. und das 17. Jahr- hundert bildeten das goldene Zeitalter der geistlichen Diederdichtung in den Dándern, bei denen Duthers Kirchenreformation Eingang gefunden hatte. In Deutschland war eine groBe Reihe von Liederdichtem erstanden, zu denen Euther selbst und Paul Gerhardt gehören. Dánemark lemte spáter die Dich- tungen des Bischofs Kingo schátzen. Diese Bewegung fand auch den Weg nach Island und auch hier begann man, geistliche Stoffe zu besingen. Unter diesen erhabenen Tönen waren die anziehendsten Kiánge diejenigen, die das Eeiden Christi besangen, und diese beschloB Hallgrímr jetzt seinen Eands- leuten erklingen zu lassen. Jahrelang miihte er sich ab. Die Sache wurde nicht in Eile erledigt; er widmete ihr griindliche und sorgfáltige Arbeit. Das Manuskript seiner Eieder wurde 1659 abgeschlossen, und eine friihe Ab- schrift, von des Verfassers eigener Hand, wurde 1661 Ragnheið, der Tochter des Bischofs Brynjólf, zugesandt. Diese Abschrift ist durch zahlreiche Hánde gegangen und wird jetzt im Museum zu Reykjavík aufbewahrt. Hallgrímr starb nach siebenjáhrigem Kampfe mit den schrecklichen Leiden der Eeprose im Jahre 1674. Die Passionslieder sind 50 an Zahl. Sie erzáhlen die Geschichte von Cbristi letztem Kampf von dem Augenblick an, wo der Herr den Passah-Eobgesang in dem oberen Zimmer mit seinen Jiingem sprach, bis die Wache aufgestellt wurde und das Siegel auf sein Grab gedriickt. Die Hymnen bestehen in der Regel aus 15—20 Stanzen. Das Eeiden Christi ist das Thema des anbetenden Dichters. Er beginnt mit einer Umschreibung der biblischen Erzáhlung des Teils der Erzáhlung, mit dem er gerade zu tun hat. Dann geht er zur An- wendung iiber. Er greift jedes einzelne Eeiden, das der Erlöser erduldet hat, fiir sich heraus und zeigt den Gewinn, der der Menschheit dadurch zu- teil geworden ist. Bald in schlichter Lehrform, bald in pathetischem Gebet, bald in leidenschaftlichem Eobpreis stellt er den gekreuzigten Christus seinen Eandsleuten vor Augen. Er erhob sozusagen ein gewaltiges Kmzifix des Gesangs iiber Island und zu diesem haben zwei und ein halbes Jahrhundert lang die Muhseligen und Beladenen ilire Augen gewendet. Er sang den Stoff, der alle Jahrhunderte iiberdauert, und sein Eied ist unsterblich geworden. Bald rfach dem eigenen triumphierenden Hinscheiden des Dichters suchte 32

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