Mitteilungen der Islandfreunde - 01.04.1924, Blaðsíða 5
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■^lend und Hungersnot seiu Heimatland heim. Mit Hallgríms Worten ermu-
trgten sich Mánner und Frauen, dem Schrecken des Todes entgegenzugehen.
Hallgríins Teben und Tod ist nicht vergebhch gewesen.
Fs ist auf Island iiblich gewesen, auf den vereinzelt liegenden Farmháusern
Passionslieder wáhrend der Fastenzeit zu singen. Da legte man dann die
Arbeitsgeráte beiseite und der Hausvater stimmte die heiligen Lieder an. So
ist die Erzáhlung vom Kreuz in der unsterblichen Darstellung Hallgríms
Jahrhundertelang unter dem Nordlicht und den Polarsternen erklungen. Un-
Ser Dichter ist fiir sein Volk mehr als ein David geworden; denn er sang nicht
einen kommenden, sondern einen anwesenden, Christus.
Auch an uns hat Hallgrímr eine Botschaft. Allerdings werden seine Deser
Vergeblich nach deu speziell modernen Formen des christlichen Gebets
suehen. Wie alle seine Amtsbriider in der lutherischen Kirche Islands, war
Unser Dichter ebensogut Bauer wie Seelenhirte. Er lebte vor langer Zeit, in
eWer wenigstens relativen Armut und Vereinsamung, weit ab von den
Strafien der Welt. Er wuBte nichts von internationalen industriellen, so-
2lalen Bestrebungeu, die unser 20. Jahrhundert so unruhig machen. Aber
er besang einen Stoff, der nie alt werden kann, da er die göttliche Antwort
auf die allgemeine menscliliche Not ist. „Ein gottseliges Nachdenken iiber
das Eeiden und Sterben des Herrn Jesus ist tatsáchlich unschátzbar. . . .“
schrieb Hallgrímr in seinem eigenen Vorwort, und die christliche Kirche
^er Gegenwart kann dazu noch „Amen" sagen. Ch. V. Pilcher
II. HANNES HAFSTEIN ALS DICHTER
I m vorigen Heft wurde der kiirzlich verstorbene Hannes Hafstein als Poli-
^tiker gewurdigt; damit allein wird man ihm nicht gerecht. Er ist einer
(F‘r bedeutendsten Dichter seiner Zeit. Um uns davon eine Vorstellung zu
Waehen, nehme ich einen Aufsatz, den Einar H. Kvaran (selbst ein sehr er-
l°lgreicher Schriftsteller, vgl. z. B. die Anzeige von Sögur Rannveigar I in
■Hift. X, 20) in der Zeitschrift Oðinn hat erscheinen lassen:
Ich kain 1881 nach Kopenhagen und verlieB die Stadt 1885. Wáhrend
hieser Jahre war Hannes Hafstein dort; 1881 wurde er 20 Jahre alt.
Ich weiB nicht, ob irgendein Islánder sich rascher entwickelt hat als H. H.
hiesen Jahren lieB er, manclimal einen Tag nach dem anderen, iiber uns,
Seme Freunde, Gedichte regnen, die uns wichtige Ereignisse in der nationalen
Lteratur schienen — und es auch waren. Sie sind spáter im Munde jedes
Flánders gewesen, der iiberhaupt jemals sich um solche kúmmerte. Die
Kinder lernten sie in der Schule und zu Hause. Man hat sie gelesen und beim
Bier gesungen. Und die Geistlichen haben Strophen aus ihnen auf der Kanzel
Verwendet.
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